Während Katzen bekanntlich mindestens neun Leben haben, haben Frauen bedeutender Männer oft nur zwei: das Leben vor dem bedeutenden Mann und das danach. Im ersten Leben war Anne Philipe Ethnographin und Journalistin, im zweiten Witwe und Schriftstellerin. Dazwischen, in den fünfziger Jahren, war sie die Frau eines lebenden Mythos: die Frau von Gérard Philipe. Filmstar, Theaterheros, ein Mann, der lautlos vier Treppenstufen auf einmal nahm und 1959 mit 37 Jahren an Krebs starb. Sein Tod machte aus Anne Philipe eine Schriftstellerin und lieferte ihr gleichzeitig das bevorzugte Sujet ihrer literarischen Karriere: Todeslaufe. Ihr erster Roman „Nur ein Seufzer lang“ (1963) beschreibt die letzten Tage ihres Mannes. Der letzte Morgen, der letzte Blick, die letzte Nacht auf der Reise zum Friedhof, sie in einem Hotelzimmer, er im Sarg nebenan in der Garage. Das Buch wurde auf Anhieb ein Bestseller. Dann, zwanzig Jahre spater, wieder ein Bestseller: der Tod der Mutter („Ich höre dich atmen“). Auch hier wieder: letzte Worte, kurze Gesprachsfetzen zwischen der Sterbenden und der Tochter. Letzte Wortwechsel: über die Katzen, eine bestimmte Champagnermarke, die Uhrzeit, die Hitze. Die kleinen Dinge in den großen Augenblicken waren Anne Philipe am nächsten, das Unspektakuläre im Spektakel. Im Alter von 72 Jahren ist die Schriftstellerin in Paris gestorben.

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