Von Michael M. Moser

Unheimlich diese Stille: Nicht einmal das Zwitschern eines Vogels ist zu hören, nur hin und wieder ein dumpfes Grollen irgendwo in der Ferne. Weißer Nebel schlummert zwischen wildwucherndem Gestrüpp, dunklen, kahlen Baumstämmen, merkwürdig gebogenen Ästen mit wirren Zweigen. Wir wandern durch den Zauberwald.

Plötzlich taucht ein riesiger Kopf vor uns auf, ein Gigant aus grauem Granit. Das Ungetüm ist drei-, viermal so groß wie wir und wird „roc de l’Oie“, Gansfelsen, genannt. Er soll wohl eher an einen Goliath dieser Federvieh-Spezies erinnern. Der Legende zufolge war die Gans zu Zeiten, als Tiere noch sprechen konnten, aus Ungehorsam von ihrem Herrn, einem mächtigen Zauberer, zu Stein verwandelt worden.

Wir stapfen weiter, weg vom Wanderpfad. Nach und nach finden wir sie, die verborgenen Steinschätze des Sidobre. Die „drei Käse“, den „Elefanten“, den „Hai“, den „Papageienschnabel“, das „Horn“, den „Champignon“, die „Billardkugel“. Jeder der Steinkolosse hat seine eigene Geschichte – zauberhafte Geschichten, die unser Führer fast flüsternd erzählt, so als wolle er die Steine nicht in ihrem ewigen Schlaf stören.

Viele von ihnen gehören zur Gattung der „zitternden Steine“, große wackelige Brocken, die derart auf der Kippe stehen, daß Kinderhände sie in Schwingung versetzen können. Einer der größten von ihnen heißt „Rocher tremblant de la barque“. Er verkörpert Größe, Stärke und Beständigkeit und ist daher seit langem Wahrzeichen von Lacrouzette, dem größten Ort im Sidobre. Schon oft wurde er abgebildet: Ein riesiges, wandgroßes Photo von ihm hängt hinter den Schaltern des Postamtes, die Honigtopfetiketten des aromareichen Miel de Sidobre tragen ebenfalls sein Konterfei, und natürlich viele Postkarten...

Über die Entstehungsgeschichte der 285 Millionen Jahre alten Steine weiß man nur, daß eine vor Urzeiten konglomerierte Feldspat-, Gneis- und Granitplatte erodierte. Übrig blieben glatte Granitkugeln, die im Lauf der Zeit viele Male abgeschliffen und dadurch sehr verkleinert wurden.

Der Steinpark des Sidobre, im Parc Regional Du Haut Languedoc, liegt nördlich der Schwarzen Berge, zwischen den Städtchen Albi, Castres und Mazamet im Departement Tarn. Heute existieren nur noch wenige Steine, denn das Sidobre zählt, neben den Vogesen und der Bretagne, zu den bedeutendsten Steinindustriezentren Frankreichs. Granit ist gefragt. Härte und Konsistenz der acht verschiedenen Granitsorten stehen weltweit hoch im Kurs. Besonders bei Bildhauern, Möbeldesignern und Grabsteinmetzen begehrt ist der bläulichschwarze Sidobre-Granit.

Schon vor Hunderten von Jahren verwendeten die Bauern der Gegend den Granit für den Bau ihrer Häuser. Vor etwa vierzig Jahren kam im Sidobre der industrielle Abbau des Granits dazu. Ein letzter, von den Steinbrechern verschonter Teil heißt le desert, die Wüste. Sie liegt einen Steinwurf von Cremaussei, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung, entfernt.

In einer Auberge, die früher ein Bauernhof war, werden die wenigen Wanderer bewirtet, die sich hierher verirren, und man steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite, denn Bescheid wissen muß der Fremde schon, um sich im Reich der Steine zurechtzufinden. Der Rundweg durch die Wüste beginnt in Cremaussei und ist ungefähr vier Kilometer lang. Manch verborgener Stein liegt abseits des Pfades, teilweise versteckt.

Im spärlichen Morgenlicht stehen wir vor dem aschgrauen Gansfelsen. Ob an den Gerüchten, die von mystischen Kultstätten früherer Zeiten und fremder Kulturen erzählen, etwas dran ist? Da hören wir es wieder – dieses laute Grollen. Es kommt immer näher, verflüchtigt sich dann in alle Richtungen und geht im Nebel unter. Ein paar Augenblicke später kommt das unheimliche Donnern aus einer anderen Richtung. Der uralte Steinkoloß regt sich, zumindest scheint es so. Will er uns etwas mitteilen? Will er uns warnen? Und wieder dieses dunkle Grollen. Unser Begleiter klärt uns auf: Was sich wie der Zorn der Steingötter anhört und uns zu morgendlicher Stunde einen Schrecken einjagt, sind Donnerschläge, Sprengungen aus den nahe liegenden Steinbrüchen.

Die „Gans“ und die „drei Käse“ zählen zu den wenigen Steinen, die unter staatlicher Protektion stehen und nicht angetastet werden dürfen. Sie sind ein Monument National, also eine Art Nationalheiligtum und befinden sich zudem an einem site classe, das heißt an einer Stelle, die unter Naturschutz steht. Der letzte Stein-Schutz wurde 1934 erlassen, seitdem scheint jede naturbewahrende Aktivität zu ruhen. Die Macht der Granitindustrie, die sich ringsum entwickelte, ist gewaltig. Viele der Steine, zum Beispiel die „Sphinx“, der „peyre haute“ oder der „Enclume“, fielen ihr bereits zum Opfer, und täglich frißt sich der Granitabbau weiter in diese einmalige Urlandschaft.

Für heute beenden wir unseren Rundgang und kehren bei Gilbert ein, der uns bei rotem Landwein am Kaminfeuer die Lage eindringlich schildert: Eines der letzten Naturparadiese ist dem Untergang geweiht, falls die Unternehmer der Steinindustrie nicht mit mehr Rücksicht vorgehen. Eine Lösung wäre vielleicht, den Granitabbau unter Tage zu betreiben.

Heute existieren 280 Steinmetzbetriebe und Hunderte von Steinbrüchen im Sidobre. Rund 3500 Arbeiter leben von den Steinen und verdienen nicht schlecht dabei. Ihre Löhne sind fast doppelt so hoch wie der Durchschnittsverdienst eines Arbeiters in Südfrankreich. Auch der Wirt unserer Auberge ist besorgt: Wenn es bald keine Steine mehr gibt, werden auch die Touristen ausbleiben, dann könne er den Laden dichtmachen. Man sieht ihm an, daß er Angst hat. Andere Freunde der Region haben auch Angst. Ihre einzige Hoffnung sind die Touristen. Wenn sie weiterhin ins Sidobre kommen und den Steinpark bekannt machen, wird man vielleicht die eine oder andere Attraktion retten können.

Früher, so erzählt der Wirt weiter, gab es noch viele andere Steinhaufen. Man nennt sie immer noch chaos. In einigen dieser Felsansammlungen entstanden höhlenartige Räume, die schon in vorgeschichtlicher Zeit zu Kultstätten wurden. Einer dieser Plätze ist die Grotte von St. Dominique im chaos de la rouquette südlich von Lafontasse und auf der N 622 von Castres aus in wenigen Autominuten zu erreichen. Der „Fluß aus Steinen“ war vor zehn Jahren noch vier Kilometer lang und damals ein beliebtes Ausflugsziel. Heute sind nur noch 400 Meter übrig, und die Umgebung ist von Steinbrüchen verschandelt. Auf dem Weg zur Grotte begegnen uns riesige Lastwagen mit mehreren Kubikmeter großen Brocken beladen, die sie in die umliegenden Steinmetzbetriebe schaffen.

Ein paar Kilometer östlich der Grotte besuchen wir eine andere Steinformation, um die sich Legenden ranken. „La Balme“ von St. Salvy, eine sieben Meter lange, tonnenschwere Granitplatte, die von zwei kleineren Steinen getragen wird. Über sie und die anderen Steine schrieb erstmals Raymond Nauzieres in einem 1908 veröffentlichten Buch.

Auf alten Schwarzweißaufnahmen ist eine weite, leere, unbewaldete und unberührte Landschaft zu sehen und mittendrin die phantastischen Steingebilde. Damals war das Sidobre noch eine kahle Gegend mit rauhem Bergklima. Jahrzehntelang wurden die Wälder des Sidobre abgeholzt, erst vor vierzig Jahren begann man mit einem großangelegten Wiederaufforstungsprogramm. Als die Steinriesen noch auf der einsamen Hochfläche lagen, wirkten sie fremdartig, ja fast außerirdisch und waren natürlich ein interessantes Ziel für Wochenendwanderungen. Einer der größten, der „peyro fenhal“ (okzitanische Schreibweise) ist längst verschwunden und nur noch im Buch zu finden.

Einer der Übriggebliebenen ist der „peyro clabado“ in der Nähe von Lacrouzette. Über ihn erzählt die Sage, wem es gelingt, einen Stein auf die obere Fläche zu werfen, ohne daß er wieder herunterfällt, dem wäre die Heirat noch im gleichen Jahr gewiß.

Als tatsächliche Begebenheit erwiesen sind die Geschichten über Gottesdienste, die in höhlenartigen Felsgruppen abgehalten wurden. Ob es wirklich die erste protestantische Messe der Calvinisten war, die seinerzeit in einer der balmes de l’église geheim abgehalten wurde, sei dahingestellt. Sicher ist, daß sie zur Zeit der Revolutionswirren verfolgten katholischen Priestern als Versteck dienten. Die Felsformationen boten ein festes Dach über dem Kopf und verfügten über mehrere Notausgänge.

Wir lauschen noch lange den vielen Erzählungen über die versteinerten Phantasiegebilde, deren Millionen Jahre alte Lebensuhr langsam, aber sicher abläuft. In aller Stille, nur durchbrochen von einem fernen Grollen, das der Wind zu uns herüberträgt.