Sie bauten das alte Gebäude mit erstaunlichem Geschick um, verleibten ihm seinen Hof bis an den First ein, gewannen dadurch viel neuen Platz hinzu und fanden einen der Sammlung angemessenen, abwechslungsreichen, also auch einprägsamen Grundriß, der sich die topographischen Differenzen zwischen Alt- und Anbau klug zunutze macht. Sie ließen sich nicht zuletzt zu drei Treppen inspirieren, die das Haus originell erschließen und dem Besucher im Gedächtnis bleiben.

Die eine bildet zwischen zwei Sälen an der Naht von Alt- und Anbau einen Kreis – unübersehbar ein Zitat aus Hans Holleins Museum in Mönchengladbach. Die andere Treppe, die einst zugunsten zweier Läden abgerissen worden war, ist nun wieder am alten Platz in der Eingangshalle und in der alten Form errichtet worden, in Maßen repräsentativ, so wie die Beletage mit den Skulpturensälen, in die sie führt und deren letzter mit einer achteckigen Deckeninstallation an den Ratssaal erinnert, der er einmal war. Die dritte Treppe endlich betont und überspielt die breite, an die zwanzig Meter hohe Fuge zwischen dem alten und dem neuen Gebäudeteil. Es ist eine gerade, leichte, an Stahlseilen aufgehängte Treppe, die ins zweite Stockwerk reicht. Der Lichtgraben, den sie transparent markiert, erhellt selbst das Erdgeschoß und macht nun auch die Rückfassade des ehemaligen Rathauses sichtbar: weißgetüncht, eine Erinnerung.

Der Reiz des Museums aber sind seine verschiedenartigen Räume, darunter einfache, unmerklich gegliederte Raumfluchten, eine Enfilade kleiner Säle, auch zwei quadratische Zimmer, in deren einem – Jean Arps rundbäuchigen weißen und schwarzen Plastiken zuliebe – ein Lichtkarussell an der Decke die Schatten wandern läßt, in deren anderem vier monumentale Bilder auf den Schock nebenan vorbereiten, auf den großen, strahlend hellen Oberlichtsaal, wo die großformatigen Gemälde und Objekte der Zeitgenossen Platz bekommen haben. An einem Kreuzgewölbegang im alten Haus nebeneinander aufgereiht, gibt es sodann die stillen, nicht grauweiß, sondern graugrün getönten Kabinette besonders für die alte Kunst und auch ein fensterloses graphisches Kabinett. Dem Licht, gestaltet von Johannes Dinnebier, ist große Aufmerksamkeit gewidmet worden; es wechselt, je nach Raum und Kunst, seinen Stil.

Kunst und Raum sind eins – das liegt vor allem am dramaturgischen Geschick, mit dem diese charaktervolle, nirgendwo mit Sensationen lärmende Sammlung angeordnet worden ist, aber man bemerkt auch die Lust an Zusammenhängen und an Konfrontationen. Die Architektur hält sich bei alledem zurück, ohne dabei ihren eigenen Wert zu verheimlichen. Im Entree übrigens gibt es einen Museumsladen, den ehrenamtlich zu bedienen sich viele Museumsvereins-Mitglieder verpflichtet haben und der, einfallsreich sortiert, in zwei Monaten einen Umsatz von 200 000 Mark gemacht hat. Und an der Ecke gibt es ein Café, das ein Interieur-Kunstwerk des Franzosen Daniel Buren ist: ein quadratischer, mit einer gestreiften Glaswand diagonal geteilter Raum, der sich drüben als Museums-, hüben als Straßencafe zu erkennen gibt.

Sindelfingen: Der Achteckturm

Auch in Sindelfingen wollte man ein originelles Café, in dem Achteckturm des Architekten Josef Paul Kleihues, doch der will damit nichts zu schaffen haben: Es behagt ihm nicht, verständlicherweise. Es befindet sich im Erdgeschoß seines gedrungenen, mit einer Milchglaspyramide gedeckten dreistöckigen Oktogons, das, oben mit zwei stillen, fensterlosen Museumsräumen ausgestattet, die beiden schon vorhanden gewesenen Gebäude wie ein Gelenk miteinander verbindet: vorn am Marktplatz das spätklassizistische Rathaus von 1845, in der damaligen Fachwerkstatt "ganz und gar aus Stein" errichtet und blaßgelb verputzt; hinten am neuen Rathausplatz der Betonquader der alten Galerie und des Schubarth-Saales, beides ehemals der Stadtbücherei assoziiert.

Den Anlaß gab auch in Sindelfingen ein Sammler, der Stuttgarter Diethelm Lütze. Er fühlte sich, als ihm als Erbteil ein paar kostbare Gemälde aus der sehr berühmten, zum größten Teil der Stuttgarter Staatsgalerie überlassenen Expressionisten-Sammlung seines Onkels Max zufielen, zu nämlichen Anstrengungen aufgerufen. Tatsächlich glückte ihm in wenigen Jahren eine wiederum charakteristische Sammlung, deren Thema die süddeutsche Kunst des 20. Jahrhunderts ist. Stifter und Stadt schlossen 1980 einen Kooperationsvertrag, seitdem hat sich der Bestand auf fast tausend Exemplare verdoppelt. Nun hat er auch ein Dach.