Heidenheim ist ein friedliches Städtchen. Daß die knapp 50 000 Einwohner der im Grenzbereich zwischen Baden-Württemberg und Bayern liegenden Kreisstadt ihr Auskommen haben, liegt zum großen Teil an der J.M. Voith GmbH, einem Maschinenbauunternehmen. Der größte Arbeitgeber in dem Ort auf der Schwäbischen Alb beschäftigt über 5000 Menschen, zusammen mit allen Zweigwerken hat das Unternehmen sogar über 16 000 Mitarbeiter. Die Voith GmbH, die Papiermaschinen, Schiffspropeller, Turbinen, Ventilatoren und Getriebe baut, gehört zu den ersten Adressen im deutschen Maschinenbau und ist wirtschaftlich äußerst erfolgreich. Das abgelaufene Geschäftsjahr 1988/89 war das beste in der fast 125jährigen Geschichte. Mehr als 2,5 Milliarden Mark setzte die Firma weltweit um, und der stolze Konzerngewinn war vor Steuern mit 180 Millionen Mark so hoch wie nie zuvor.

So könnte in Heidenheim und in den Voith-Zweigwerken in Spanien, Brasilien und den USA alles weitergehen wie bisher – gäbe es da nicht einen aufreibenden Streit zwischen den Eigentümern des so erfolgreichen Unternehmens, der die Firma im Moment mit negativen Schlagzeilen in die Presse bringt.

Der Zwist brach ausgerechnet aus, als es um eine Entscheidung ging, die die Zukunft des schwäbischen Hauses sichern sollte. Die Firmenleitung hatte beschlossen, mit dem Schweizer Industriekonzern Sulzer AG zusammenzuarbeiten. Dessen deutsche Tochtergesellschaft Sulzer-Escher Wyss baut Papiermaschinen und Turbinen; die Produktpaletten beider Partner passen nach Meinung der Konzernführungen gut zueinander. Um gemeinsam auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger zu sein, hatten beide Firmen ausgehandelt, daß Voith die Ravensburger Sulzer-Escher Wyss GmbH übernimmt und im Gegenzug die Winterthurer Sulzer AG mit 25,1 Prozent am Voith-Stammkapital beteiligt wird.

Alle waren dafür. Die fünfköpfige Voith-Geschäftsleitung unter Michael Rogowski und der Aufsichtsrat, in dem unter dem Vorsitz des ehemaligen Mannesmann-Chefs Egon Overbeck etliche Top-Manager der deutschen Industrie Sitz und Stimme haben, plädierten für die Schweizer Lösung. Selbst der Betriebsrat signalisierte grünes Licht, und als auch noch das Bundeskartellamt in Berlin seine Zustimmung für diese Fusion gab, schien die Sache perfekt zu sein.

Trotzdem wurde nichts daraus. Am vergangenen Donnerstag abend zerschlug sich der Plan, weil die Voith-Eigentümer nicht mitspielten. Das traditionsreiche Maschinenbauunternehmen ist ein reines Familienunternehmen, das heute noch vollständig in den Händen der Erben des Firmengründers liegt. Der hatte zwei Söhne: Hanns und Hermann. Und die Nachkommen der beiden teilen sich heute je zur Hälfte das Stammkapital von 180 Millionen Mark. Doch wie so oft in Familienunternehmen, die von den Nachfolgegenerationen gehalten werden, sind sich auch in Heidenheim die Erben nicht grün. Sie liegen in heftigem Streit miteinander. Die Sippe von Hanns Voith ist für das Zusammengehen mit den Schweizern, die von Hermann Voith ist aber – kompromißlos – dagegen.

Der Hermann-Voith-Strang will nach den Aussagen des Anwalts Mark Binz unbedingt die Unabhängigkeit der Voith GmbH als reines Familienunternehmen sichern und fürchtet, daß die Schweizer eines nicht fernen Tages die Mehrheit in Heidenheim übernehmen werden. Diese Gruppe, die ihrerseits ein 150 Jahre altes Unternehmen besitzt, das maschinelle Pressen für die Autoindustrie herstellt, behauptet allerdings, nichts gegen eine reine Zusammenarbeit mit den Schweizern zu haben. Sie schlägt daher vor, die Bereiche Papiermaschinen und Strömungstechnik von Voith aus der Hauptgesellschaft auszugliedern und in eine gemeinsame Firma mit Sulzer einzubringen. Die restlichen Bereiche, vor allem die wertvollen Voith-Finanzbeteiligungen im Wert von 1,2 Milliarden Mark, sollten aber auf jeden Fall vor dem Zugriff der Schweizer sicher sein.

Doch für den Voith-Chef Rogowski, der stolz darauf ist, den Sulzer-Einstieg ausgehandelt zu haben, ist die Weigerung des Hermann-Voith-Stammes eine schlechte Nachricht. „Ich erwarte gravierende Nachteile für das Unternehmen, falls der Zusammenschluß in der geplanten Form scheitert.“ Nachdem die Gespräche mit den Schweizern nun geplatzt sind, ist eine Lösung nicht mehr in Sicht.