Tatsächlich ist das mit der Delegation von ärztlichen Aufgaben so eine Sache. Viele Ärzte lassen Arzthelferinnen Medikamente, die sie verordnet haben, in die Blutbahn oder in die Muskulatur spritzen. Nach der GOÄ Nr. 252 oder 253 rechnen sie diese Leistung ab, weil sie die Verantwortung für die Durchführung tragen. Der Urologe Günther Strack aus Frankenthal zum Beispiel macht aus dieser internen Aufgabenteilung auch gar keinen Hehl: "Ich nehme mir lieber die Zeit, mit den Patienten zu reden, sie zu beraten (GOÄ Nr. 1), als selbst eine Spritze zu geben, die meine Helferin mindestens genausogut setzen kann." Daß aber Spritze und Beratung berechnet werden, verwundert die Staatsanwälte. Nicht aber die Bundesärztekammer, die noch im Jahre 1988 dieses Vorgehen gutgeheißen hat.

Verwunderung erregt auch die in der täglichen Praxis üblich gewordene Abrechnung für "Eingehende Untersuchung" nach Nr. 65 der bis 1987 geltenden GOÄ. Für eine solche Untersuchung, sie kann im Regelfall nur einmal im Quartal abgerechnet werden, benötigt der Arzt natürlich Zeit. Wieviel Zeit, scheint vom Wohnort des behandelnden Arztes abzuhängen. Im Geltungsbereich der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz können diese Untersuchungen in zehn Minuten durchgeführt werden, in Bayern beträgt der "Zeittakt" hierfür siebzehn Minuten. Dieser "Zeittakt" hat nun den Verdacht der Krankenkassen geweckt, hier könnten Ärzte durch unzulässige Manipulationen ihre Einnahmen aufbessern. In einer Stunde können beispielsweise nur fünf dieser eingehenden Untersuchungen stattfinden. Es liegen jedoch Abrechnungen vor, die dieses ignorieren und damit den Schluß nahelegen, manche Ärzte hätten einen Arbeitstag von mehr als 24 Stunden.

Vielbeschäftigte Ärzte wie Günther Strack halten diesen "Zeittakt" für unsinnig. Auf Grund seiner großen Erfahrung, so der Mediziner, könne er rascher untersuchen, und er fügt hinzu, daß seine Patienten etwa von einer zehnminütigen Untersuchung zur Abtastung der Prostata kaum begeistert seien. "Fünf Untersuchungen zu zwölf Mark macht einen Stundenlohn von sechzig Mark. Dafür können wir nicht arbeiten und unsere Praxis unterhalten. Der Rechtsanwalt, den ich wegen des Ermittlungsverfahrens jetzt zu meiner Hilfe holen muß, verlangt für die Stunde um die 300 Mark. Wer soll das bezahlen?"

Staatsanwalt Gerald Dirion-Gerdes hat Verständnis für diese Probleme, aber, so fragt er, warum haben die Ärzte nicht früher für eine leistungsgerechte Honorierung gesorgt? Die KV-Vorsitzende Gudrun Blaul meint, daß die sogenannten Wirtschaftlichkeitsprüfungen der KV, denen sich alle Kassenärzte in bestimmten Abständen unterziehen müssen, etwaige Unregelmäßigkeiten aufgedeckt hätten. Dem bleibt allerdings entgegenzuhalten, daß diese Prüfungen eigentlich nur zur Ermittlung der sogenannten Fachgruppenpauschale taugen, mit der festgestellt werden soll, ob einzelne Ärzte eines bestimmten Fachgebietes diese regelmäßig überschreiten. Ein Anhalt für eine unkorrekte Abrechnung läßt sich daraus nicht erkennen.

Ein Beispiel: Ein noch nicht rechtskräftig verurteilter Arzt hat die Wirtschaftlichkeitsprüfung mit Hilfe des Computers bestanden. Jeweils zum Ende des Quartals hat er seine Leistungen seiner "Fachgruppenpauschale" angepaßt. Fehlten noch einige Abrechnungsnummern, so hat er sie umgehend eingetragen und sich damit wirtschaftlich, aber nicht ehrlich verhalten. Eine Überprüfung ist daher nur möglich, wenn Behandlungsunterlagen in den ärztlichen Aufzeichnungen vorliegen. Um an diese zu kommen, müssen Staatsanwälte die Praxisräume der in Verdacht geratenen Ärzte durchsuchen und die Patientenkartei beschlagnahmen.

Alle Unterlagen nehmen sie übrigens nie mit. Der Computer hilft nämlich auch der Polizei. Mit einem ausgeklügelten Programm können sie mit großer Sicherheit aus nur zwanzig Prozent der beschlagnahmten Karteien die Abrechnungstricks auf alle Patienten des beschuldigten Arztes hochrechnen.

Die Ermittlungsbehörden sind schon mehrfach fündig geworden. So haben sie festgestellt, daß manche Ärzte Leistungen abrechnen, für deren Durchführung die Patientenkartei keinen Beweis liefert. Die Staatsanwälte haben dazu Patienten dieser Ärzte gehört, die sich an die Durchführung der berechneten ärztlichen Leistung nicht erinnern können. Der Jurist Blaul erklärt dies für die Praxis seiner Frau an Fallbeispielen: Der 81jährige Patient habe das Ausmaß der Untersuchung längst vergessen, wahrscheinlich erinnere er sich auch nicht mehr daran, ob ihn bei der Aushändigung eines Rezeptes der Arzt beraten habe (Nr. 1 GOÄ). Und ob mit der häufig vorkommenden Anmahnung des Krankenscheins eine Gesundheitsberatung verbunden gewesen sei, könne er auch nicht mehr sagen. Der Mediziner aber wisse dies, auch wenn eine "spiegelbildliche" Dokumentation in der Abrechnung und der Patientenkartei vom Kassenarzt nicht gefordert werde. Der Arzt auf dem Land kenne seine Patienten, selbst wenn es um die 1500 sind, die alle drei Monate ihren Krankenschein bei ihm abgeben.