Von Jürgen Krönig

London, im Mai

Den Experten, die sich zunächst über die sogenannte irakische Superkanone mokierten, ist das Lachen vergangen. Dabei war ihre Reaktion durchaus verständlich. Zu unglaublich wirkte die Behauptung der britischen Zollfahnder, die acht von ihnen beschlagnahmten Stahlrohre seien für eine gewaltige Kanone gedacht, mit deren Hilfe der Irak Satelliten starten oder atomare und chemische Sprengköpfe über Tausende von Kilometern würde schießen können.

Die Geschichte wirkt immer noch wie eine Mischung aus Farce und internationalem Thriller. Die Ingredienzen aber entstammen der Realität: Ministerialbeamte, die fleißig Exportlizenzen erteilten und sich durch keine Warnung aufschrecken ließen; eine Regierung, die den Eindruck macht, als wären ihr weniger findige Zollfahnder lieber gewesen, und die sich jetzt in der bewährten Praxis übt, ihre Aktionen zu verschleiern; ein besessener Wissenschaftler und Waffenhändler, der um jeden Preis seinen Traum von der Superkanone verwirklichen wollte; ein professioneller Killer, der ihm im Auftrag eines Geheimdienstes fünf Kugeln in den Hinterkopf jagte; und schließlich eine Reihe europäischer Unternehmen, die nicht weiter fragten und munter lieferten, was angefordert wurde.

Mittlerweile wird Unternehmen "Babylon" bitterernst genommen. Auch wenn noch nicht alle Zweifel verstummt sind, ob eine Kanone von solch unglaublichen Ausmaßen – 156 Meter lang, tausend Millimeter Kaliber, Wände aus dreißig Zentimeter dickem Stahl – wirklich funktionieren kann. Die Kanone soll allerdings keine gewaltigen Granaten, sondern Raketen (mit Eigenantrieb) abfeuern. Die Londoner Regierung versuchte, die Gemüter mit dem Hinweis zu beruhigen, daß acht der 52 bestellten Rohre schließlich nicht den Irak erreicht hätten und es somit nicht möglich sei, das Riesengeschütz zu vollenden. Aber inzwischen sind mehr beunruhigende Details bekanntgeworden: Rohre aus früheren Lieferungen sollen bereits in der irakischen Raketenanlage Kerbala erfolgreich getestet worden sein.

Fest steht, daß eine Reihe europäischer und britischer Firmen in das Projekt verwickelt war. Forgemasters in Sheffield produzierte die Stahlrohre, Somers in Birmingham baute gewaltige hydraulische Stoßdämpfer und Zielvorrichtungen; das Munitions- und Sprengstoffunternehmen Astra ließ seine belgische Tochterfirma TRB die Spezialtreibladung mixen. Alle Unternehmen waschen natürlich ihre Hände in Unschuld. Das Management von Forgemasters will nicht einmal Verdacht geschöpft haben, als irakische Botschaftsangehörige sich auffällig um jedes einzelne fertiggestellte Rohr bemühten und es genauestens vermaßen. Somers kamen Bedenken, als der Irak eine Stahlmischung verlangte, die in der petrochemischen Industrie völlig unüblich ist.

Die zuständigen Ministerien in London aber haben alle Warnungen ignoriert. Ein konservativer Abgeordneter hat zwei Jahre lang versucht, das Handels-, das Verteidigungsministerium und den britischen Geheimdienst auf die irakische Spur zu bringen. Unangenehmer noch: Eine Tochtergesellschaft des britischen Verteidigungsministeriums, IMS International Military Services, hat offenbar im Rahmen eines britisch-jordanischen Rüstungsabkommens dem illegalen irakischen Kunden einen ganz besonderen Service geboten: Die Treibladung für die Superkanone wurde, als Schokoladenkonfekt für Jordanien getarnt, in den Irak geschleust. Labours Schattenverteidigungsminister Allan Rogers, der die Chance, der Regierung Thatcher weiteres Ungemach zuzufügen, verständlicherweise nur zu gerne nutzte, wurde in der Woche vor seiner parlamentarischen Anfrage von Einbrechern heimgesucht; die schienen nur an seinen Papieren interessiert gewesen zu sein.