Von Peter Fuhrmann

Lapidarer als der alte Goethe hat bis heute niemand die mit Abstand heikelste musikalische Gattung charakterisiert: „Man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten, glaubt ihren Discursen etwas abgewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennen zu lernen.“

Den Nachweis liefern vier „vernünftige“ Leute, die vor einem Vierteljahrhundert im kammermusikalischen Bündnis sich Treue schworen und entgegen aller Flatterhaftigkeit der Zeit ihr Wort gehalten haben. In ihrem stilvoll, mit dekorativen Perserteppichen ausstaffierten Übungsraum einer Stuttgarter Nobelvilla bieten sie dem Gast höchst amüsante Anregung und Unterhaltung; keine Podiumsattitüden, vielmehr entspanntes, gleichwohl zutiefst konzentriertes Arbeiten. Minutiös werden an diesem Vormittag an Brahms’ meisterlichem h-moll-Klarinettenquintett op. 115 Detail und Syntax studiert, Tempo und Dynamik austariert. Spiel und Diskurs entbehren des Showeffektes: Schließlich kennen die nicht mehr ganz jungen Herren einander lange genug und die „Eigentümlichkeiten“ ihrer edlen Instrumente auch: die Violinen des Stradivari-Schülers Carlo Bergonzi (1731) wie von Giuseppe Guarneri (um 1720); die 1780 von Gaspero da Salò in Brescia gefertigte Bratsche und das in Cremona (1682) entstandene Violoncello des Amati-Schülers Francesco Ruggieri. Mit derlei Pretiosen pflegen die Besitzer notwendigerweise engsten sorgenden Kontakt: der Hamburger Wilhelm Melcher (Primarius), die Brüder Gerhard und Hermann Voss aus dem Rheinland (2. Violine und Viola) und der Schwabe Peter Buck (Cello). Liebe zur Sache ist in jener künstlerischen Doppelpartnerschaft strengstens vonnöten. Ohne sie, das wissen die Mitglieder des Melos-Quartetts sehr genau, hätte es keine Macht der Welt vermocht, die nach Herkunft und Natur recht unterschiedlichen Temperamente beisammenzuhalten.

Ihre Karriere hätte ohnehin ganz anders verlaufen können: Als Konzertmeister und Solisten in festen Positionen opferten sie vor fünfundzwanzig Jahren Ruhm und Ansehen einem existentiellen Wagnis, um sich nur noch dem Quartettspiel zu widmen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der „Brautschau“ sehen sich die vier Musiker seit dem Debüt in Hannover (Wettbewerb junger Künstler, 1965) als „Schicksalsgemeinschaft“.

„Der Entschluß“, sagt Bratscher Hermann Voss, „künftig nur noch in kleiner Formation zu spielen, war im Grunde ein Befreiungserlebnis, wobei nicht zuletzt auch der Zufall eine große Rolle spielte, der uns zusammenführte. Die Bereitschaft, alle persönlichen Ambitionen zurückzustellen und sich unterzuordnen, ist auch eine Frage der Mentalität. Um Streichquartett zu spielen, sind solistische Qualifikationen unabdingbar; neigt man aber zu stark zum Virtuosentum, kommt die Besessenheit, gemeinsam wirklich große Musik zu gestalten, zu kurz. Glücklicherweise wurden mein Bruder und ich bei einem Kammermusikexperten wie Sandor Végh oder dem Düsseldorfer Schäffer-Quartett auf das differenzierte Gemeinschaftsspiel optimal vorbereitet. Den Kollegen ging es ja wohl nicht anders.“

Gleichwohl hatte es mit dem Zusammenwachsen seine liebe Not. Klanglich habe er ganz andere geigerische Vorstellungen als der Primarius Wilhelm Melcher, läßt sich Bruder Gerhard Voss vernehmen. „Der brauchte nur die Finger aufzusetzen, dann klang das – ohne Vibrato – schon gut. Es dauerte lange, diesen Vorteil, den ich nicht hatte, auszugleichen.“

Ohne Zweifel halfen auch Vorbilder: Besonders von den großen Ensembles habe man viel gelernt. Wilhelm Melcher: „Wenn wir aber versucht haben, etwa das Amadeus-Quartett nachzuahmen, war ich mit solchen Vorgaben nicht mehr einverstanden. Es war unerläßlich, die Werke unbefangen zu erschließen. Ich will aber nicht bestreiten, daß gerade das Amadeus-Quartett bei uns eine prägende Rolle gespielt hat; doch kopieren wollten und konnten wir es nicht.“