Von Rainer Hupe

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen ist rein zufällig. Alfons Doblinger ist nicht Horst Schiesser. Er ist Bauunternehmer und nicht Bäcker, er hat schon mal Wohnungen gekauft, saniert und weitervermietet. Wenn es denn eines Beweises bedürfte, daß der Verkauf der Neuen Heimat Bayern an den bisher ziemlich unbekannten mittelständischen Unternehmer keine einfache Wiederholung ist, sondern daß zumindest die Gewerkschaften etwa gelernt haben aus dem völlig verkorksten Coup im Herbst 1986, als sie ihren Wohnungskonzern an den Berliner Bäcker Horst Schiesser verramschten, dann liegt er zählbar auf dem Tisch: Doblinger zahlt fast eine Milliarde Mark und nicht nur eine.

Noch einmal, ein letztes Mal, erregt ein Geschäft des gewerkschaftlichen Skandal-Unternehmens die Gemüter von Mietern und Politikern. Bewohner von Häusern der Neuen Heimat in München protestierten am Montag vor dem Gewerkschaftshaus der Stadt. Oberbürgermeister Georg Kronawitter forderte eine „Gnadenfrist“ von einer Woche, in der die bayerische Staatsregierung vielleicht noch als Käufer zum Zuge kommen könne. Doch die Gewerkschafter waren zum Verkauf entschlossen, am Montag besiegelte der Aufsichtsrat ihrer Firmenholding BGAG, der die Neue Heimat gehört, das Geschäft.

BGAG-Chef Hans Matthöfer kann mit dem Geld Schulden aus dem Neue-Heimat-Debakel zurückzahlen, das die Gewerkschaftsholding immerhin rund vier Millarden Mark kostete. Edmund Stoiber, bayerischer Innenminister und für Wohnungsbau zuständig, und seine Parteifreunde, die bei der am Jahresende anstehenden Landtagswahl um das Erbe des Franz Josef Strauß fürchten müssen, werden über den Wahlkampfschlager frohlocken. Stoiber spielt mit Freude den Schutzpatron der gebeutelten Mieter: „Wir haben alles versucht, die Gewerkschaften von ihrem unverantwortlichen Verkauf abzubringen.“

Vieles erinnert in der Tat an den Überraschungscoup mit Horst Schiesser vom Herbst 1986. Selbst im Wohnungsbaugewerbe ist Doblinger ziemlich unbekannt, ein Terminwunsch bei Stoiber blieb in der vergangenen Woche noch unbeantwortet. Mit der plötzlichen Publizität kann er offensichtlich noch wenig umgehen. Eine Presseerklärung vom Dienstag dieser Woche enthüllte nicht mehr, als bis dahin aus dem Telephonbuch bekannt war. Und auch die Presse ist über die „Doblinger-Gruppe“ nicht informiert – kein Umsatz, keine Beschäftigtenzahl, wenig Konkretes. Die BGAG hat Alfons Doblinger aber aus knapp einem Dutzend privater Bewerber ausgewählt, weil er ein Bayer und „offenbar ein Mann guter Bonität“ ist.

Die Wertschätzung der Gewerkschafter deckt sich mit der des Yuppie-Wirtschaftsmagazins Forbes, das Alfons Doblinger zu den vierhundert reichsten Deutschen zählt, „Vermögen: über 270 Millionen DM“. Wenn das stimmt, dann hat Doblinger sich seinen Schatz mit immer neuen Übernahmen kleinerer Firmen zusammengekauft. Noch 1978 machte die Alfons Doblinger Anlagenbau in Straubing mit einem Bauunternehmen und einem Sägewerk nur rund hundert Millionen Mark Umsatz. Der wurde auf einen Schlag mehr als verdoppelt, als Doblinger Anfang 1980 eine Möbelfirma im ostwestfälischen Langenberg und eine Firma für Metall- und Fassadenbau in München übernahm, die auch am Dach des Olympiastadions mitgebaut hatte.

Von 1986 an wuchs seine Firmengruppe dann kontinuierlich. Erst übernahm er die Vegla Vereinigte Glaswerke, Aachen, die kein Glas mehr produzierte, sondern sich mit der Vermietung und Verwaltung ihres Grundbesitzes befaßte. Die Gebäude auf dem Werksgelände wurden vor allem an Klein- und Mittelunternehmer verpachtet. Ein Jahr später kam dann ein Unternehmen aus Fellbach bei Stuttgart hinzu, das sich auf die Reparatur und den Ersatzteildienst für Omnibusse spezialisiert hatte. Schließlich gründete Doblinger Ende vergangenen Jahres gemeinsam mit dem ehemaligen Manager der Hoesch-Tochter Ohrenstein & Koppel, Karl-Heinz Siepe, die Siepe und Doblinger Industriebeteiligungen, die erst im Februar eine Düsseldorfer Ingenieurgesellschaft übernahm, bei der immerhin rund 300 Mitarbeiter beschäftigt sind. Mit der Neugründung wollen Doblinger und Siepe zukünftig auf dem deutschen Firmenmarkt mitmischen und Unternehmen mit Umsätzen von mindestens fünfzig Millionen Mark aufkaufen und entwickeln.