Von Marion Gräfin Dönhoff

Was werden wir Deutschen, was werden die Amerikaner ohne Shep machen? Es gibt keinen zweiten Mann wie Shepard Stone, keinen, der sich über Jahre und Jahrzehnte so intensiv, so unermüdlich um die Beziehungen zwischen diesen beiden Völkern gekümmert hat; keinen, der so an den Fehlern der Deutschen litt und so sehr über manche Unzulänglichkeit der Amerikaner verzweifelt war. Immer aber hat er alles darangesetzt, die beiden Völker miteinander zu versöhnen, sie in Freundschaft zu verbinden.

Shep Stone war 22 Jahre alt, als er 1929 aus der amerikanischen Provinz in die damals kosmopolitische Weltstadt Berlin kam, um dort zu studieren. Hier hörte er das erste Konzert seines Lebens – Furtwängler dirigierte die Erste Symphonie von Brahms –, er besuchte die Aufführungen von Max Reinhardt, lernte Künstler und Schriftsteller im Hause Hasenclever kennen und meinte, im Vorhof des Paradieses zu sein. 1933 heiratete er eine Tochter Hasenclever, aber schon fielen die ersten Schatten auf diese so anregende Welt, begann jene Ära, die er mit dem prägnanten Ausdruck "Stiefel in der Nacht" charakterisierte. Es kam die Vertreibung aus dem Paradies. Die Neuverheirateten gingen nach Amerika.

Aber Shep hat der Stadt, die ihn später zum Ehrenbürger machte, immer die Treue gehalten, ungeachtet aller Enttäuschungen, die Deutschland ihm und seinen Freunden zugemutet hat. Ungeachtet auch der finsteren Kapitel, die zwischen dem Abschied, nach der Promotion bei Hermann Onken 1933, und der Rückkehr mit der amerikanischen Armee 1945 lagen.

Shepard Stone landete mit dem ersten amerikanischen Vorkommando am 6. Juni 1945 in der Omaha Bay und zog mit dieser Einheit durch das zerstörte Deutschland bis Torgau an der Elbe, wo sich Amerikaner und Russen die Hand reichten. Er war dabei, als das Konzentrationslager Buchenwald befreit wurde – ein danteskes Inferno, das zu beschreiben oder auch nur sich selbst in Erinnerung zu rufen er sich stets geweigert hat.

Möglich war dies nur, weil sein großes Herz und sein souveräner Sinn der Versuchung widerstanden, Haß und Verachtung für die einen auf sie alle – auf die Deutschen in ihrer Gesamtheit – zu übertragen. Dies muß wahrlich schwer gewesen sein für jemanden, der in New York erlebte, wie Freunde aus der Berliner Zeit und Freunde der Freunde in Wellen an die Ufer des amerikanischen Kontinents gespült wurden – der Heimat, ihrer Würde und aller Habe beraubt.

Fünf Jahre später kam er zum dritten Mal nach Deutschland, diesmal als rechte Hand des unvergessenen Hochkommissars John McCloy, in die neugeborene Bundesrepublik. Jene beiden haben die geistigen und politischen Grundlagen gelegt, auf denen das Gebäude errichtet wurde, in dem wir noch heute leben. Shep hat geholfen, diesem Land wieder reelle Maßstäbe zu geben, eine verantwortungsvolle Presse aufzubauen und alten Freunden neuen Mut zuzusprechen. Ich glaube, McCloy und Jean Monnet waren die beiden Männer, die er am meisten verehrt hat.