Der Kronprinz jubelte zu früh: Die Versenkung der „Lusitania“ wurde zur Grundlage für den Kriegseintritt der USA

Von Wolfgang Zank

Der Torpedo traf den englischen Ozeanriesen steuerbords, knapp hinter der Brücke, zwischen dem ersten und dem zweiten der vier Schornsteine. Unmittelbar darauf folgte eine zweite, noch heftigere Explosion. Kapitän Turner versuchte, das Schiff in Richtung auf die nahe irische Südküste zu dirigieren, aber der 30 396 Bruttoregistertonnen große Passagierdampfer machte keine Fahrt mehr, bekam starke Schlagseite und begann rasch, vorne tiefer eintauchend, zu sinken.

Aus etwa 700 Meter Entfernung beobachtete Kapitänleutnant Walter Schwieger durch das Sehrohr seines U-Bootes U 20 die Szene und notierte unter dem Datum des 7. Mai 1915 ins Kriegstagebuch: „Auf dem Schiff entsteht große Verwirrung; die Boote werden klar gemacht und zum Teil zu Wasser gelassen. Hierbei muß vielfach Kopflosigkeit geherrscht haben; manche Boote vollbesetzt, rauschen von oben, kommen mit dem Bug oder mit dem Heck zuerst ins Wasser und schlagen sofort voll. An der B.B. [Backbord-] Seite kommen wegen der Schräglage weniger Boote klar als auf der St.B. [Steuerbord-] Seite. Das Schiff bläst ab; vorn wird der Name Lusitania in goldenen Buchstaben sichtbar... 3,25 pm [15.25 Uhr]. Da es den Anschein hat, als wenn der Dampfer sich nur noch kurze Zeit über Wasser halten kann, auf 24 m [Meter] gegangen und nach See zu gelaufen. Auch hätte ich einen zweiten Torpedo in dies Gedränge von sich rettenden Menschen nicht schießen können.“

In diesem Gedränge schwamm der amerikanische Geschäftsmann Michael G. Byrne: „Ich wartete, bis das Wasser in gleicher Höhe mit dem Hauptdeck war, und sprang dann über Bord. Im Wasser war der Anblick von Frauen mit Kindern und Babys in ihren Armen fürchterlich. Die Luft war von Schreien erfüllt, und Mütter flehten Personen in den Booten an, ihre Babys zu übernehmen.“

Achtzehn Minuten nach dem Torpedotreffer war die Lusitania gesunken. 1198 Menschen gingen mit dem Schiff unter. 761 Menschen konnten gerettet werden. Unter den Toten befanden sich 270 Frauen und 94 Kinder. 124 amerikanische Staatsbürger kamen um. Derartiges, die kaltblütige Versenkung eines großen Passagierschiffes, hatte es in Europa noch nicht gegeben.

In manchen deutschen Kreisen knallten beim Eintreffen der Nachricht die Sektkorken. Kronprinz Wilhelm telegraphierte aus seinem Hauptquartier an den kaiserlichen Vater: „Hier große Freude über die Torpedierung der Lusitania ... Je rücksichtsloser der U-Boot-Krieg geführt wird, desto schneller wird der Krieg beendet sein.“ Mehrere deutsche Zeitungen erschienen mit triumphierenden Kommentaren. In der Westfälischen Tageszeitung war zu lesen: „Endlich ist unseren U-Booten ein großer Fang gelungen... Wir Deutschen freuen uns von ganzem Herzen über den gelungenen Schlag und sehen dem allgemeinen Wutgeheul und Entrüstungsgeschrei kühl lächelnd entgegen ... Keine Sentimentalität; Kampf bis aufs Messer mit dem gemeinen Krämervolk...!“