Von Ulrich Greiner

Das Ende des Delinquenten Josef K. ist bekannt: "...an K.’s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K. wie nahe vor seinem Gesicht die Herren Wange an Wange aneinander gelehnt die Entscheidung beobachteten. ‚Wie ein Hund!‘ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben."

Wir kennen Franz Kafkas "Proceß" und kennen ihn doch nicht. Denn jetzt erst, 66 Jahre nach Kafkas Tod, 65 Jahre nach der Veröffentlichung des Romans durch den Schriftsteller und Freund Max Brod, den Kafka beauftragt hatte, alle ungedruckten Manuskripte (darunter "Der Proceß") zu verbrennen, jetzt erst erscheint die kritische Ausgabe, haben wir endlich dieses Jahrhundertwerk "in der Fassung der Handschrift", wie es der Herausgeber Malcolm Pasley schon auf dem Titelblatt ankündigt. Und jetzt erst können wir sehen, wie der letzte Satz, der das Ende des Bankangestellten Josef K. besiegelt, Gestalt gewann. "Sein letztes Lebensgefühl war Scham", hatte Kafka zuerst geschrieben. Dann: "Bis ins letzte Sterben blieb ihm die Scham nicht erspart." Und schließlich gewann er mit fliegender Feder, in raumgreifendem großem Schwung die endgültige Form: "Es war, als sollte die Scham ihn überleben."

Im gedämpften Licht der Marbacher Ausstellung "Der Proceß – Die Handschrift redet" (siehe Abbildung) sieht man das Manuskript, Eigentlich müßte es illuminiert sein wie eine Galapremiere und inszeniert wie Rembrandts "Nachtwache". Seine Bedeutung für die geistige Epoche ist unermeßlich, und sein Schicksal ist beispielhaft für dieses kranke Jahrhundert. 1939, in der Nacht vor dem Einmarsch der Nazis, floh Brod aus Prag nach Israel und brachte in einem Koffer Kafkas Manuskripte in Sicherheit. 1956, während der Suez-Krise, wurden sie in der Schweiz deponiert, ein Teil davon kam dann in die Bodleian Library in Oxford, an Pasleys Ort. "Der Proceß" jedoch blieb im Besitz Max Brods und seiner Erbin Esther Hoffe, die sich viele Jahre weigerte, den Herausgebern der neuen Ausgabe Einblick in das Manuskript zu gewähren. Nach langwierigen, diskreten und offenbar ergebnislosen Verhandlungen wurde das Konvolut 1988 bei Sotheby’s versteigert und im Auftrag der Bundesregierung, des Landes Baden-Württemberg und der Kulturstiftung der Länder für 3 150 000 Mark gekauft. Seitdem liegt es im Marbacher Literaturarchiv, seitdem hat Pasley die authentische Grundlage für seine nun erschienene Edition. Jetzt kann man die Handschrift sehen, in kleinen, sachlich informativen Vitrinen. Eine bescheidene Ausstellung, und doch hat sie die Aura des Einmaligen.

Pasley zeigt, was er durch das Studium der Handschrift herausgefunden hat. Anhand des Schriftverlaufs, des Charakters der Buchstaben und der erheblich schwankenden Menge der Wörter auf einer Seite rekonstruiert er die Entstehung des Manuskripts. Er ist wirklich ein Schriftgelehrter, ein Schriftdeuter, und auf dieser relativ schmalen, immerhin durch andere Daten etwas breiter gemachten Basis eruiert er folgendes: Der Romananfang ("jemand mußte Josef K. verleumdet haben") entstand etwa Anfang August 1914, das Romanende kurze Zeit darauf. Das heißt: Kafka, weil er wußte, daß der Schreib-Atem nicht groß genug sein würde, ihn in einem einzigen Zug bis ans Ende der Geschichte zu tragen, so, wie es ihm bei der in einer Nacht hingeworfenen Erzählung "Das Urteil" gelungen war, Kafka beschritt beim "Proceß" einen anderen Weg. Er setzte das erste und das letzte Kapitel wie die Fundamente eines Gewölbes und arbeitete dann an den verschiedenen Stücken des Bogens. Bis zum Schlußstein gelangte er nie. Die ihm gemäßere Methode eines linear vorwärtsschreitenden und sich verzweigenden Erzählens (wie im "Verschollenen", wie im "Schloß") holte ihn ein. Ende Januar 1915 gab er den "Proceß" auf. Aber der Roman hat, im Gegensatz zu allen anderen längeren Prosastücken, ein wirkliches Ende. Es kam zustande, weil Kafka es am Anfang schrieb.

Pasleys Beweisführung ist bestechend, wenngleich, wie jeder Indizienprozeß, nicht von absoluter Gewißheit. Vermutlich wird Hartmut Binder, seines Zeichens Kafka-Forscher, aber nicht zum Kreis der Herausgeber gehörig, Widerspruch einlegen. Er tut das schon seit Jahr und Tag, vorzugsweise in der Neuen Zürcher Zeitung. Die Kafka-Philologie ist auch ein Feld der Ranküne. Für uns Leser ist das unerheblich. Denn erstens bietet Pasleys Rekonstruktion eine neue Grundlage für die Deutung des Romans. Die Ermordung des Josef K. steht von Anfang an fest, es wird kurzer Prozeß mit ihm gemacht. Ebenso steht die Schuld fest. Widerspruchslos läßt er sich zum Richtplatz führen, und sein letztes Gefühl ist nicht die Empörung, sondern die Scham. Alles andere ist offen: Wer führt den Prozeß? Worin besteht die Schuld? Die Kapitel zwischen dem ersten und dem letzten sind Beweisaufnahmen ohne greifbares Ergebnis.

Zweitens zeigt Pasleys neue Ausgabe, daß Max Brod in der Hauptsache richtig ediert hat. Die Reihenfolge der Kapitel bleibt. Lediglich das vierte Kapitel der Brodsehen Lesart ("Die Freundin des Fräulein Bürstner") wird von Pasley in den Anhang der Fragmente gestellt. Pasley macht die meisten Korrekturen Brods rückgängig, stellt auch dort Kafkas Orthographie wieder her, wo sie ungewöhnlich ist ("Proceß" statt "Prozeß"). Vor allem aber hält er sich an die Zeichensetzung Kafkas, der Kommas nicht liebte und den Strom seiner Prosa, die man sich rezitiert vorstellen muß, selten durch Interpunktion unterbrach.