Von Rudolf Gerhardt

Zwei Anzeigen in einer Tageszeitung, am selben Tag zufällig nebeneinander zu lesen, machen den derzeitigen Umbruch auf dem Rechtsanwaltsmarkt deutlich. „Wir üben unsere Anwalts- und Notartätigkeit gemeinsam aus“, so heißt es schlicht in der einen – und dann folgen die Namen zweier Rechtsanwälte. Die andere verkündet: „Wir haben uns zu einer überregionalen Rechtsanwaltssozietät zusammengeschlossen.“ Und dann werden Frankfurt, Stuttgart und Saarbrücken als Praxisadressen genannt.

Zwei oder drei Anwälte unter einem gemeinsamen Dach, so präsentierte sich der Anwaltsstand in den vergangenen Jahrzehnten, wenn man von den Einzelanwälten einmal absieht, die in mehr als der Hälfte aller Kanzleien anzutreffen sind. Neu aber ist die überörtliche Sozietät: eine Anwaltsfirma mit verschiedenen Standbeinen im Inland, die noch vor kurzer Zeit weithin für unzulässig gehalten und erst durch eine neue Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom standesrechtlichen Makel befreit wurde. Inzwischen schließen sich nicht mehr nur drei bis zehn Anwälte aus verschiedenen Städten zusammen, es gibt auch Kanzleien mit vierzig, fünfzig und mehr Anwälten – mittelständische Unternehmen für juristische Dienstleistungen. Und es gibt bereits die ersten Zusammenschlüsse nach europäischem Recht: Wirtschaftliche Interessenvereinigungen (EWIV), in denen manche eine Einstiegschance in den europäischen Binnenmarkt sehen.

Bundesdeutsche Rechtsanwaltsbüros mit Adressen im Ausland, vor allem in den Vereinigten Staaten, gibt es schon seit einiger Zeit. Und nachdem der Europäische Gerichtshof vor wenigen Jahren auch den Anwälten Niederlassungsfreiheit in allen Mitgliedsstaaten zugestanden hatte, war zugleich eine Weiche für eine Rechtsänderung in der Bundesrepublik gestellt. Die im anwaltlichen Standesrecht verankerte Forderung, daß jeder Anwalt nur eine einzige Kanzlei betreiben darf, war überholt.

Die neuen Großpraxen verstärken Existenzängste in einem Berufsstand, der sich ohnehin von einer Anwaltsschwemme bedroht sieht und mit Sorgen in die wirtschaftliche Zukunft blickt. Werden die Großen die Kleinen vom Markt verdrängen? Könnten die Anwälte in den Mittel- und Kleinstädten ihre wirtschaftliche Selbständigkeit verlieren? Gerät gar die „flächendeckende Rechtsvertretung“ in Gefahr, wie aufgeschreckte Anwälte fürchten?

Der Umbruch auf dem deutschen Anwaltsmarkt ist vor dem Hintergrund einer wachsenden Internationalisierung in diesem Berufsstand zu sehen. Längst macht der Rechtsrat nicht mehr an Landesgrenzen halt, längst gibt es nicht nur in Amerika, sondern auch in europäischen Nachbarländern Kanzleien mit Hunderten von Anwälten, die ihre Klientel rund um die Welt, bisweilen auch rund um die Uhr, beraten.

„Deutschland ist eines der wenigen Industrieländer“, so sagte unlängst der Vertreter einer großen inländischen Kanzlei, „in denen sich nicht längst Großbüros gebildet haben.“ Deshalb haben sogar die Großen ihre Zukunftsängste: Sie fürchten, selbst ins Hintertreffen zu geraten, wenn sich erst ausländische Anwaltskonzerne in der Bundesrepublik ansiedeln. Denn die deutsche Anwaltschaft habe, so heißt es, in der Rechtsberatung gegenüber den ausländischen Anwaltsmultis, aber auch gegenüber den inländischen Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern ständig an Boden verloren. Vom „Zwang zum Wachstum“ und zur Spezialisierung angesichts ständig steigender Ansprüche der Klienten spricht etwa Michael Oppenhoff, Partner in einer der größten deutschen Kanzleien.