Für eine große Gefahr halten die Fahnder das sogenannte „Durchwachsen“: Täter, die auf der „Arbeitsebene“ viel Geld verdient haben, wachsen in eine Position, in der sie als bekannte Geschäftsleute zu Gesprächspartnern von Politik und Gesellschaft werden. In jeder Stadt gibt es heute derartige Größen, in Bremen, so schätzt die Polizei, sind es ein Dutzend Personen, im Großraum Frankfurt 35, in München 10. Es werden Karrieren fast wie in der Wirtschaft gemacht, vom Taschendieb zum Millionär.

Als Beispiel gelten die Brüder Hersch und Chaim Beker, zwei Größen im Frankfurter Milieu und Namensgeber der Frankfurter „Beker-Affäre“: In den sechziger Jahren fielen sie zunächst als Rausschmeißer in Bars im Bahnhofsviertel auf, dann als Geschäftsführer, schließlich ebendort als Lokalbesitzer. Etliche Verfahren wurden vor allem gegen Hersch Beker eingeleitet: Gäste behaupteten, betrogen oder mißhandelt worden zu sein. Nur ein einziges Mal wurde er verurteilt – zu 450 Mark Geldstrafe. Die Brüder erwarben Spielsalons, Bordelle, Hotels, Restaurants, Cafés und gründeten Immobilienunternehmen, die vor allem im Frankfurter Stadtzentrum Grundstücke erwarben. Einer ihrer Anwälte: Torsten Schiller, ehemaliger Leiter des Frankfurter Ordnungsamtes.

Ein leitender Kripo-Mann in Frankfurt über Hersch Beker: „Er ist heute Kaufmann, was tatsächlich auch stimmt, denn er hat große Teile der Stadt gekauft.“ Flugs fügt der Beamte hinzu: „Ich möchte hier nicht mißverstanden werden: große Teile der Immobilien der Stadt.“

Das tatsächliche Vermögen der Brüder, die häufig Strohleute einsetzen, wird von einem Insider auf über 200 Millionen Mark taxiert. Als in einer Nacht im vergangenen November die Polizei Geschäftsräume und Villen der beiden durchsucht, stoßen die Beamten bei Hersch daheim auf streng vertrauliche Unterlagen der Frankfurter Stadtverwaltung über die Verlagerung der Bordellszene – durch Grundstücksgeschäfte mit der Stadt sind die Brüder reich geworden. Zudem finden die Ermittler Kopien von Amtsschreiben des ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeisters und jetzigen Ministerpräsidenten Walter Wallmann sowie des Frankfurter Polizeipräsidenten Gemmer. Hersch Beker landet in Untersuchungshaft. Ebenso Gerhard Klein, bis vor wenigen Monaten noch Abteilungsleiter im Ordnungsamt, zuständig für die Genehmigung und Überwachung von Spielkasinos. Er soll Schmiergelder für Spielkasino-Konzessionen von Beker kassiert haben. Nachdem wegen einer Erkrankung Bekers der Haftbefehl gegen ihn ausgesetzt worden war, verschwindet er Mitte April. Mittlerweile wurde er in Tel Aviv gesichtet.

Nachdem den Verantwortlichen bei der Polizei in den achtziger Jahren die Dimension der Organisierten Kriminalität dämmerte, unternahmen sie einiges: In zahlreichen Städten, in den Landeskriminalämtern und dem Bundeskriminalamt wurden Abteilungen eingerichtet, die sich ausschließlich mit der Organisierten Kriminalität befassen. Dort arbeiten die Kripo-Leute überwiegend „täter- und nicht tatorientiert“. Das bedeutet: Herkömmlich beginnt die Polizei zu ermitteln, wenn eine Straftat entdeckt wurde. Doch das bringt nicht viel bei Tätern, die geradezu perfekt arbeiten – an der Leiche eines Drogentoten finden sich ebensowenig Hinweise auf die Drogenbarone wie bei einem perfekt ausgeführten Wohnungseinbruch Hinweise auf den Täter und seine Hintermänner.

Deshalb versuchen die Beamten Strategien zu entwickeln, die sie direkt zu den Hintermännern bringen. Allerdings hapert es derzeit oft schon mit der Ausrüstung. So beklagen sich zum Beispiel Beamte in Nordrhein-Westfalen darüber, daß für ihre Dienststelle fünf identische Kraftfahrzeuge angeschafft wurden, die schon aus der Ferne als Zivilfahrzeuge der Polizei erkennbar sind. In vielen anderen OK-Dezernaten werden – mit dem Segen der Verwaltung – Gebrauchtfahrzeuge unterschiedlicher Fabrikate gekauft. So rollt für ein Kommissariat in Niedersachsen zum Beispiel ein vergammelter Toyota – zur Freude der Beamten.

Heute sind Dutzende verdeckte Ermittler in der Bundesrepublik unterwegs, Polizeibeamte, die unter einer Legende in die Halbwelt eingeschleust wurden und ihre Kollegen mit Informationen versorgen, häufig auch als Scheinaufkäufer bei Drogengeschäften auftreten (siehe Kasten). In Baden-Württemberg – dem Land kommt eine Vorreiterrolle in Sachen verdeckte Ermittler zu – wurden zwischen 1980 und 1988 durch ihren Einsatz – nach Angaben des Innenministeriums – über 2100 „meist besonders gefährliche Straftäter“ verhaftet.