Von Martin Ebbing

Der Chef der amerikanischen Bundespolizei FBI, William S. Sessions, ist ein besonnener und ruhiger Mann. Wenn Sessions aber über die Krise der amerikanischen Sparkassen, der Savings and Loans (S&L), spricht, greift auch er zu düsteren Umschreibungen: "Es ist eine wahre nationale Krise", klagte Sessions Anfang April vor dem Bankenausschuß des Repräsentantenhauses.

Die Lage ist in der Tat dramatisch. Von den knapp 4613 Savings and Loans, die 1980 noch gezählt wurden, hat inzwischen ein Viertel aufgeben müssen. Weitere 1000, so wird geschätzt, sind faktisch pleite. Und das kommt die amerikanischen Steuerzahler teuer zu stehen. Denn für jede Spareinlage haftet die Bundesregierung bis zu einer Höhe von 100 000 Dollar. Meldet ein S&L-Institut Konkurs an, dann wird das Finanzministerium zur Kasse gebeten. Die Gesamtkosten, so die jüngste Schätzung, werden sich auf mindestens 500 Milliarden Dollar belaufen. Die S&L-Krise ist damit der größte Finanzskandal der amerikanischen Geschichte.

Das Unheil begann ironischerweise, als den Sparinstituten per Gesetz neue Einnahmequellen erschlossen wurden, um sie vor dem Untergang zu bewahren. Denn Mitte der siebziger Jahre entdeckten die großen Investmenthäuser in den Vereinigten Staaten einen neuen Kundenkreis: die Kleinanleger, denen sie weit höhere Zinsen boten als die Sparkasse an der Ecke. Um den Wettbewerb fair zu gestalten, hob die Carter-Administration deshalb die Regulierung von Zinsen auf, der die Sparkassen bis dahin unterlagen. Damit erhöhten sich die Ausgaben der Savings and Loans, nicht aber ihre Einnahmen.

Da die Sparkassen auf Hypotheken nur eine Rendite von sechs bis acht Prozent erzielen konnten, war es unmöglich, Sparzinsen von zehn Prozent und mehr zu finanzieren. Um Einnahmen und Ausgaben wieder ins Gleichgewicht zu bringen, forderten die Sparkassen-Chefs, daß ihnen auch andere Finanzgeschäfte erlaubt werden müßten. Bei der Reagan-Administration, die jeder Art von Regulierung zutiefst ablehnend gegenüberstand, fanden sie ein offenes Ohr.

Plötzlich wurden aus ländlichen Sparkassen, die jahrzehntelang von der Differenz zwischen den Zinsen auf Spareinlagen und den Zinsen auf Hypotheken gelebt hatten, Finanzinstitute, die mit den Profis an der Wall Street um gewinnträchtige Investitionen auf den internationalen Kapitalmärkten wetteiferten. Sie hatten dabei alle Freiheiten, aber nur ein minimales Risiko. Denn die Reagan-Regierung dünnte die zuständigen Aufsichtsbehörden finanziell und personell aus. Die Bundesgarantie für die Spareinlagen blieb aber erhalten.

Dies öffnete Tür und Tor für Betrügereien; inzwischen ermittelt das FBI in immerhin 234 Fällen. Außerdem wurde nicht jeder Sparkassen-Chef über Nacht zum Finanzgenie, was eine Reihe von Fehlinvestitionen zur Folge hatte. Die unerfahrenen Spargeld-Verwalter kauften alles, was der Markt zu bieten hatte und was hohe Rendite versprach – von Anteilen an Einkaufspassagen und Bürotürmen bis hin zu hochriskanten junk bonds. Fallende Immobilienpreise vor allem im Süden der Vereinigten Staaten brachten zudem vormals sichere Baukredite plötzlich ins Wanken. Die Folge: Selbst vorsichtig operierende S&Ls gerieten in die Krise. Für das Jahr 1986 meldete die gesamte Branche erstmals rote Zahlen – seitdem ging es rapide weiter bergab.