Stereotypen und Spottnamen: Über die Kultur des Nachbarzwistes

Von Heinrich Lauer

An einer frankophonen Schule in der Schweiz wird die Kunst des feinen Unterschieds geübt. Als Beispiel nimmt der Lehrer die Begriffe accident und malheur – den Unfall und das Unglück; und weil er ein Mann von Esprit ist, veranschaulicht er den feinen Unterschied in einer Szene, die hier jedes Kind versteht. Er sagt: „Fällt ein Schwab“ in den Bodensee, dann ist das ein Unfall; rettet er sich aber an das Schweizer Ufer, dann ist das ein Unglück.“

Wir betreten mit dieser kleinen Geschichte den Grenzbereich gutnachbarlicher – oder eben nicht so gutnachbarlicher – Irritation, wie sie in der Geographie von Völkern auftritt, wo es Sprachgrenzen gibt oder gar noch sperrigere Scheidewände wie den Weißwurstäquator, Bezirke innerhalb derer die Menschen „Mir „an mir“ sagen und auch meinen, während die anderen, die Auswärtigen, nichts als Saupreißen sind, respektive Tschuschen, Wasserpolacken, Katzelmacher oder Kasköppe.

Es gehört schon etwas Kultur des Nachbarzwistes, ein gewisses Maß historisch durchlebter Leiderfahrung dazu, sich in kollektiver Selbstironie à la „Scheen samma net, aba dumm“ zu üben, im Überdruß der Nabelschau vielleicht, oder einen so hintersinnigen Witz hervorzubringen, wie er dem gerade zu gütlicher Trennung entschlossenen Volk der flämischen und wallonischen Belgier nachgesagt wird. Da haben sich die Flamen und Wallonen wieder einmal weidlich im Parlament geprügelt, nach langem Hin und Her in der Saalschlacht gelingt es dem Parlamentspräsidenten endlich, die Kampfhähne zu trennen: „Flamen nach rechts, Wallonen nach links“, ruft er die Parteien auf. So trennt er die Gemüter. Nur ein einzelner Einsamer bleibt unschlüssig in der Mitte stehen, ein Antwerpener Jude. Betroffen fragt er: Ja und wir ... Belgier – wohin sollen wir?“

Humor, Verständnis, Achtung, Sympathie – wo wir sie suchen, an den historischen Grenzen, finden wir sie kaum. Etwas wie Achtung noch am ehesten, dann jedoch mit Furcht vermischt. Statt Achtung mehr Verachtung und Mißachtung. Statt Verständnis eher Unverständnis, Mißverständnis. Je näher der andere, desto trüber das Bild. Der Nachbar, das unverstandene und unverständige, das ungeliebte, das verachtete Wesen, das bedrohliche.

Die Mischung aus Unkenntnis und gebannter Fixierung aufs Andersartige hat zu allen Zeiten die Phantasie mächtig angeheizt. Wir wissen es aus Bildern, die das Altertum ebenso wie das Mittelalter – auch das noch nicht weit zurückliegende Mittelalter zur Zeit des Zweiten Weltkriegs – uns vom Fremden, vom Andersartigen, vom „Feind“ vermittelt haben. Es sind die Vorstellungen von Monstern, von Wesen jenseits des Humanen: Pferdefüßler, Hundsköpfige, Einschenklige, Mundlose, Kopflose – Untermenschen. Ein schönes Beispiel für den hier waltenden Phantasiereichtum verdanken wir einer Autorität wie Plinius, der die „Fußschattner“ erfand, ein Volk, das die schwierige Kunst beherrschte, auf dem Rücken liegend sich mit hochgereckten Füßen Schatten zu spenden.

Eckige Köpfe

Besonders zwingend ist der Eindruck, den Köpfe und Gesichter der Fremden hervorrufen. So gibt es vom Deutschen das untilgbare Bild des Vierschrötigen, das seinen Ausdruck im französischen tête carrée allemande wie im lateinamerikanischen alemari quadrado gefunden hat – das Kantig-Eckige zum Quadrat, kurz gesagt, ein Quadratschädel. Freilich verwechselt man das in Deutschland leicht mit einem Charakterkopf.

Noch stärker, oft wechselseitig identisch und kreativ ist der Eindruck der unverstandenen Fremdsprache. Die Bezeichnung der Slawen für die Deutschen – njemzi –, geht auf das Wort njemi, die Sprachlosen, zurück, während die Bezeichnung Slawe im Gotischen gleichfalls den Sprachlosen, Stummen oder Schweigenden meint – einen des Gotischen Unkundigen. Ähnlich verfährt der Schwede mit dem Finnen und dieser mit dem Russen: Ruotsibedeutet der Sprachlose. Der italienische Name für den Deutschen und das Deutsche, tedesco, ist zugleich Synonym für Kauderwelsch, offenbar auch das Teutsch lautimitierend, und crucco, das Kosewort, das unsere mit einer begnadeteren, weicheren, mediterranen Sprechweise gesegneten transalpinen Nachbarn für uns haben, geht auch darauf zurück, daß unsere krächzend-zischenden Gutturallaute – besonders die alemannischen in norditalienischer Hörweite, die doch nur unter Verursachung von Körperqualen den Hals verlassen können – den lieben „Maccaroni“ und „Spaghetti“ das innere Ohr so furchtbar zerkratzen. Mit einem Wort: crucco!

Über das rauhe stimmliche Gebaren unserer Altvorderen haben sich bereits die Troubadoure aus der Provence vor etlichen 800 Jahren mokiert: Der Minnesänger Stimme, so der Spott, höre sich „wie das Quietich „wie das Quietschen von Karrenrädern über gefrorener Erde“ an. Lebensart, Stil und Eleganz hat man den Deutschen nie zugetraut: Dafür war die Sprache zu rauh, das Wüten der Landsknechte zu roh und die Tölpelhaftigkeit der deutschen Kreuzfahrer zu evident. Auch über die deutschen Scholaren an der Universität von Paris im 15. und 16. Jahrhundert heißt es: „Sie sind roh, und sie leben roh.“

Das kultivierte lateinische Mittelalter geht ungnädig mit uns ins Gericht. Die Freß- und Trunksucht unserer Voreltern, Voronkel und Vorarten muß auch gewaltig gewesen sein – für Gourmets der schiere Graus. So spricht Dante in seinem Inferno von den tedeschi lurchi, den gefräßig-trunksüchtigen Deutschen, was wehrhaften Vertretern unseres Volkes, die auf ihren endlosen Zügen gen Süden gar manchesmal die Sau rausließen, das Etikett porco tedesco einbrachte – eine Bezeichnung, die mit dem trefflichen deutschen Edelschwein durchaus nichts zu tun hat.

Sage mir, was du ißt, und ich sage dir, wer du bist. In diesem Spruch finden viele Stereotypen samt der daraus abgeleiteten Spott- und Spitznamen ihren Ursprung. „Spaghetti“ und „Maccaroni“ hatten wir schon. Im inneritalienischen Bereich freundlicher Reibereien sagen die begüterten Norditaliener zu den inneren Schluckern aus dem Süden, sie wären terroni. Terra wie Erde: Erdfresser, also Hungerleider. Besser stehen die Toskaner als Bohnenfresser da: mangiafagioli, Klingt auch appetitlicher. Aber ganz ohne Kraut funktioniert dieser Speisezettel auch nicht. Es gibt hier die „Krautwelsche“. Das sind die Ladiner aus der Sicht der „Puschterer“.

Bei den Kartoffelessern wird man nicht dreimal raten müssen, wer damit gemeint ist. Wir sind es: für die Italiener zuerst. Aber auch unsere kartoffelfressenden dänischen Nachbarn nennen uns Kartoffel-tyske, und die Polen, die auch nicht von der Luft leben, nennen uns kartoflarz. In den USA heißt der Knoblauchdunst „italienisches Parfüm“.

Für das angloamerikanische Repertoire der Spottnamen haben wir das Sauerkraut geliefert – das als gastronomische Spezialität wohl mehr und mehr auch in den Staaten, vor allem auf ihren übernatürlich bayerischen Oktoberfesten ohne Zahl geschätzt wird, ohne daß sich die Wertschätzung fühlbar auch auf die „Krauts“, die wir seit dem Ersten Weltkrieg sind, übertragen würde. Nach Osten hin verbreitet sich die Aura des Deutschen über die Kartoffel hinaus sozusagen in Wurstform: Für die Polen, von manchen unserer Großväter, die noch in Pommern, Masuren oder Ostpreußen, in Ober- oder Niederschlesien lebten, „Wasserpolacken“ genannt, sind wir die karloflarz, für die Litauer die kartoflanik. Doch den Russen offenbart sich schon unsere Wurstseite, zeigt sich der ausgewachsene kolbassnik – der Wurstfresser. Und wenn die katholischen Polen einen besonders deutsch Aussehenden meinen, bei dem – Gott sei bei uns – auch noch das Lutherische durchblickt, dann ist das ein szpek augsburgski,einer dieser Speckköpfe des Augsburger Bekenntnisses.

Ein Quentchen Verachtung

Der Spottname mit der Eßgewohnheit im Visier ist sicher der harmloseste. Neben einem erträglichen Quentchen Verachtung bringt er am ehesten so etwas wie Sympathie, ja kulinarisches Verständnis für die Eigenart des anderen auf. Die fressen eben Speck und Kraut, Wurst und Kartoffeln; oder Frösche wie die frogs – dies ist die Bezeichnung der Engländer für die fröscheverzehrenden Franzosen, die auch vor unschuldigen Schnecken nicht haltmachen und auch den stillen Muscheln keinen Pardon geben. Die Gourmets revanchieren sich bei den puritanischen Porridgefressern mit dem Attribut les goddamn – dem Wort, das jeder normale Brite zu jeder Tageszeit im Munde führt: von Calais aus gesehen.

Empfindlicher wird es bei den Gerüchen. Den Ungarn zum Beispiel stinkt alles Menschliche, wenn es nicht aus ungarischem Stall kommt: Büdos olái, büdos sváb und büdös zsidó heißt es in Buda, in Pest und rings um den Plattensee. Da werden Walachen, Schwaben und Juden in einen Topf geworfen: stinkender Walach, stinkender Schwabe und stinkender Jude. Die innerjugoslawischen Duftnoten des Spottes sind etwas direkter. Geradeheraus heißt es da die „Dummen“ und die „Faulen“ – gemeint sind Bosnjaken und Montenegriner. Als der „alte Prohaska“ noch in Wien regierte, alias Kaiser Franz Joseph, da verwendete man in der k.u.k. Armee ganz andere Synonyme für die Bosnjaken: die „Tapferen“ hießen sie damals.

Die Siebenbürger Sachsen, Nachbarn der ungarischen Székler, werden von diesen, bakszász, Bocksachsen, genannt, wieder mal wegen des Bockgeruchs, den sie, die Sachsen, angeblich verbreiten. Andererseits schätzen sie die Sachsen wegen ihres Fleißes und der Akkuratesse: „Den Mais wie die Sachsen hacken“ ist der Ausdruck der Wertarbeit. Bei den Rumänen wieder heißt es schlicht: treabä nemfeascä – „deutsche Arbeit“, ein Werturteil,

Der Geruch und das, was dafür ausgegeben wird, spielt auch in der französischen Bezeichnung sale boche eine Rolle. Wieder soll es der alemannische Bocksgestank gewesen sein, der die Sinne der Franzosen störte Besitzer empfindlicher Nasen haben oft einen brillanten Sprachstil. So bemerkte ein französischer Chronist des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71, daß die Preußen die Franzosen „nicht allein durch ihre Tapferkeit, sondern auch durch ihren schrecklichen Geruch“ in die Flucht geschlagen hätten. Eine neutralistische Randbemerkung dazu: Welche Armee der Welt, gleichgültig, ob mit stürmisch flatternden Fahnen oder mit ängstlich flatternden Herzen – um nicht zu sagen vollen Hosen wird nach etlichen Tagen in der gleichen Wäsche noch gut riechen?

Natürlich kommen wir alle uns selber nicht nur geruchsmäßig vorbildlich vor. Der Franzose spricht von der Summe seinesgleichen als von der grande natron. Der Ungar sieht sich im Gegensatz zu den anderen, vor allem den Rumänen, Serben und Slowaken, als einen Herrenmenschen, einen Art einher. Asiaten sprechen vom unangenehmen Buttergeruch und den entsetzlichen Glotzaugen der Weißen. Die Zulus in Afrika, die Tungusen in Sibirien, Lappen und Indianer meinen mit der Bezeichnung Mensch nur sich selber und sonst niemanden.

Das sind natürliche Formen des Ethnozentrismus, einer der Identität und Kontinuität dienlichen Selbstschau, die für sich alles Wahre, Edle, Gute und Höhere in Anspruch nimmt und komparativ manch Ungereimtes, ja Abstruses und Böses beim Fremden wittert. Wer glaubt, daß hier von den steinzeitlichen Instinkten des Herdenmenschen die Rede ist, sollte Worte wie „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ näher betrachten. Ein paar Grade härter erscheint das britische right or wrong – my country.

Der Mensch selber und sein engster Lebenskreis sind der Maßstab, nach dem die Welt gemessen wird. Nichts natürlicher als das. So gibt es auch in Randgebieten ein legitimes Gefühl für Mitte. Wer sich beispielsweise Prospekte von Urlaubsorten aus dem Bayerischen Wald ansieht, wird aus dem Staunen nicht herauskommen. Jeder Ort liegt „mitten im Herzen“, sei es nun des vorderen, des mittleren, des oberen, des unteren oder des hinteren Walds. Jeder lebt in seiner eigenen Mitte. Hintertupfingen grüßt den Rest der Welt.

Es bliebe noch darzustellen, was uns die Kleidung der anderen sagt, was sie uns an Namen für ihre Träger einflüstert, was fremde Sitten und Gebräuche, was andere Lebensart in uns freisetzen: Bewunderung und Verwunderung, Beifall und Ablehnung, je nach der Genauigkeit des Hinsehens manchmal Unverständnis, Hilflosigkeit, Spott oder auch Aggression.

Zwei Deutsche, ein Chor

Ein Deutscher, kann man im Ausland hören, ist ein Techniker, zwei Deutsche sind ein Chor, drei Deutsche eine Armee. Ein Ungar ist ein Herr, zwei Ungarn sind drei Parteien, drei Ungarn – gibt es nicht: der zweite ist ein Schwab’, der dritte ein Jud’, Ein Franzose: ein Grandseigneur, zwei Franzosen: ein Liebespaar, drei Franzosen: ein ideales Ehepaar.

Der Faden ließe sich weiterspinnen. Ein Deutscher – ein „Mof“, sagt der Holländer; ein Holländer – ein „Käskopp“, wird der Deutsche kontern. Aus der Distanz von nicht vielen See- oder Landfrieden wird man zwischen Holländern und Deutschen kaum noch einen Unterschied sehen. Da frage man einen Spanier oder einen Polen, braucht gar kein Japaner zu sein. Für diese ist das Mofige wie das Käskopfete hier und dort wohl paritätisch verteilt.

Eine recht schroffe Abgrenzung zwischen Flachland und Gebirge tut sich in der Bezeichnung fiel! aber auf – „Bergaffe“. So nennen die Dänen ihre norwegischen Vettern, Den rheinischen Frohnaturen erscheinen die Österreicher und alles, was sich weiter nach Südosten fortsetzt, als die „Seppeltürken“. Der Retourfiaker aus Wien heißt „Piefke“, womit natürlich die „Seppln“ aus Bayern nicht gemeint sind. Die Österreicher nennen alles „Tschusch“, was sich hinter der Grenze zu Slowenien so regt. Der „Tschusch“ kommt von Tschausch oder Tschauß, der ein niederer Rang im türkischen Janitscharenheer war. Auch Tschechen können Tschuschen sein, die Orientalen sowieso.

Mancher Erklärungsversuch führt ins Ausweglöst Zum Beispiel beim „Katzeimacher“. Diese Bezeichnung für die „Welschen“, die Italiener, ist schon zu Maria Theresiens Zeiten belegt, doch die Wortdeuter können sich nicht für eine sichere Spur entscheiden. Was ist er wohl, der Katzelmacher – ein Kesselmacher, ein Gatzelmacher (Garzel wie Holzlöffel), ein Ketzer oder einer mit dem cazzo, dem männlichen Glied, das im Italienischen ein gängiger Kraftausdruck ist, explosiv wie Tschusch?

Stereotypen vereinfachen, bringen, was als vordergründiges Merkmal eingefangen wird, auf ein Bild, das sich alle anderen Charakteristika rücksichtslos subsumiert. Dabei haben manche Stereotypen ein bestürzend grobes Raster, andere sind eher liebevoll-friedlich wie die Attribute, die uns unsere eidgenössischen Vettern anhängen: „Cheibe Schwoab“ – wem tut das weh?

Die historischen Bezüge sind vielfach nicht mehr präsent. Ob die Elsässer den Kosenamen „Wackeles“ noch verstehen, den wir deutschen Halbbrüder ihnen verpaßt haben? Ob wir uns unter der Luxemburger Pauschalbezeichnung „Hure-Preuß“ noch etwas vorstellen können? Da müßte man mal in dem auf Preußen bestens eingeschossenen Bayernland herumhören. „Saupreiß“, sogar „japanischer“ oder „negerter“, das kommt hier vor, auf dem Münchner Viktualienmarkt zumindest, aber Hure-Preuß – nie gehört.

Je näher die Grenze, desto brisanter das Spottnamen-Arsenal. Grenzen polarisieren, und Völkerfreundschaften gehen gewöhnlich über die zweite Grenze hin, bilden eine Klammer: Portugal und Frankreich, Spanien und Deutschland, Frankreich und Polen. Es ist eine Art Sandwich-System, das Mittelstück ist der gemeinsame Feind. Zum Glück ist manches davon Geschichte.

Die Hoffnung heißt Europa, wo Franzosen und Deutsche einen großen gemeinsamen Schritt voraus getan haben. Ob wir uns allerdings neben dem zollfreien Europa auch ein gänzlich sportfreies wünschen sollten? Ein bißchen fade, diese Vorstellung.