Über Geschmack läßt sich streiten, über Geschmacklosigkeit nicht minder. Nachdem Groucho und Chico Marx im November 1932 ihre erste Radio Show vor den Mikrophonen der National Broadcasting Company (NBC) improvisiert hatten, witterte das US-Magazin Variety die sittliche Verrohung einer Generation. Kasperten und kalauerten die beiden Komiker doch ungeniert über untreue Gattinnen und zerbröselnde Ehen – "Themen", so der empörte Rezensent, "die für Jugendliche ganz gewiß nicht angemessen sind." Die derben Späße der Winkeladvokaten Flywheel, Shyster & Flywheel – insgesamt 26 Folgen, die den Helden das fürstliche Honorar von 6500 Dollar pro Episode einbrachten und sie damit in den Publicity-Dienst eines Ölkonzerns stellte – werden dem deutschen Publikum jetzt mit einer zeitlichen Verzögerung von fast sechzig Jahren vorgesetzt. Das hat seinen Grund nicht im emsigen Treiben eines Moralapostels, vielmehr galten die Manuskripte der Live-Sendungen – Mitschnitte existieren nicht – über Jahrzehnte als verschollen. Durch Zufall wiederentdeckt wurden sie erst vor zwei Jahren im Copyright Office der amerikanischen Kongreß-Bibliothek. Die Übersetzer Sven Böttcher und Harry Rowohlt haben sich ihrer im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks (WDR) angenommen. Die Ergebnisse mehrmonatiger Kniffelei liegen jetzt in Buchform bei Rogner & Bernhard vor: "Die Marx Brothers Radio Show – Flywheel, Shyster & Flywheel"; hrsg. von Michael Barson; aus dem Amerikanischen von Sven Böttcher und Harry Rowohlt; Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Verlag, Hamburg 1989; 620 S., 33,– DM. In gesprochener Form erfreuen sie zur Zeit auch die Hörerinnen und Hörer von WDR, SWF und SFB (WDR 2: vierzehntägig samstags um 22.05 Uhr bis zum September; SWF 1: vierzehntägig sonntags um 16.40 Uhr; SFB 3: sonntags um 16.30 Uhr).

Die absurden Ereignisse in der Anwaltssozietät haben in den vergangenen sechs Jahrzehnten kein bißchen Staub angesetzt. Wie der Rechtsverdreher Waldorf T. Flywheel alias Groucho Marx seine Klienten hintergeht, sein minderbemittelter Assistent Ravelli alias Chico Marx die Konfusion ins unermeßliche steigert und selbst Miss Dimple, die gute Seele, vor der Heimtücke ihrer Vorgesetzten kapituliert – all das wäre ein Lehrstück für so manche müde Demonstration des zeitgenössischen Humors. Bei den Marx Brothers flogen die Fetzen statt die Sahnetorten. "Drehen Sie Ihr Gesicht zur Wand, Ravelli. Sehen Sie nicht, daß das Kind Angst hat?" James Joyce war so nachhaltig beeindruckt, daß er postwendend to grouch erfand – unübersetzbar wie so vieles aus dieser Welt der bösen Blödeleien.

Das norddeutsche Übersetzer-Duo ist sich denn auch in der Beurteilung seiner Arbeit uneins. "Die zweitschlechteste Übersetzung meiner Laufbahn", schimpft Harry Rowohlt. Wer die Originale der Marx-Brothers-Filme und deren untertitelte Fassungen kennt, versteht die Seelenpein der Übersetzer. Groucho, der Großkotz, und das Faktotum Chico mit seinem übertriebenen Italo-Akzent haben wie kein anderes Komikerpaar der Filmgeschichte die Sprache verhackstückt, die Begriffe zertrümmert, die Worte verdreht. Die Verbalattacken, die blitzschnellen Kaskaden aus Übertreibung, Slang, Beleidigungen und abgründiger Logik in den Übersetzer-Griff zu bekommen, hielt Rowohlt für so unmöglich, daß er den Verlag um Auflösung seines Vertrags bat. Doch man ließ ihn nicht. Und so mußte Rowohlt – mehr Nachdichter denn Vokabeljongleur – notgedrungen eintauchen in den chaotischen Kosmos des hundsgemeinen Geschwisterpaars.

Getreue Entsprechungen für die Wortduelle der Brüder fielen ihm und seinem Partner nicht schwer. Dem kruden Idiom des Chico waren sie weniger gewachsen, und für Balanceakte, beispielsweise vom Verb eliminate (deutsch: ausmerzen) bis zum Nomen lemonade (deutsch: Limonade), fehlt der deutschen Sprache das spielerische Element. Rowohlts Kompagnon Böttcher zeigt sich jedoch erheblich zufriedener als dieser. "Natürlich ist es für einen Übersetzer schwierig, neue Witze zu erfinden", sagt Sven Böttcher, "aber das ist uns im großen und ganzen doch gut gelungen."

Holger Jenrich