Von Johannes Groschupf

Als die abendliche Sonne hinter den Kreidefelsen von Rügen zurückbleibt und über die dunkelgrüne Ostsee glitzert, steht ein kleiner Mann an der Reling des Fährschiffes Trelleborg und schaut lange in den blanken Frühlingshimmel. Sein unauffälliges Jackett weht in der leichten Brise, auf der Nase sitzt ihm eine Hornbrille, dahinter lustige, flinke Augen, die Haare stramm zurückgekämmt. Man möge ihn ruhig Walterchen nennen, sagt er zutraulich, er komme aus Berlin, vom Prenzlauer Berg.

Er sei schon oft nach Saßnitz gefahren, erzählt er weiter, in dieses unscheinbare graue Städtchen am nördlichsten Zipfel von Rügen, nur um auf das Meer zu schauen und auf die Fähre zu warten, die ihn jedoch nie mitnahm. Man stelle sich das vor, nur vier Stunden nach Trelleborg, und dann läge einem ganz Skandinavien zu Füßen, Mittsommernächte und Polarlichter, schwärmt er. Und nun steht er selbst an der Reling, hat die Zoll- und Paßkontrollen linkerhand abgewickelt und schaut zurück auf Saßnitz.

In der Fähre haben sich die Gäste .unterdessen gemütlich eingerichtet. Polnische Familien finden sich zum Carlsberg-Umtrunk zusammen, schwedische Rentner füttern unbeirrbar die zahlreichen einarmigen Banditen, nebenan packt man seine Klappstullen aus, und ein schwergewichtiger Finne sucht noch Mitspieler für eine Kartenpartie. Unser Reisender aus der DDR aber steht eine geschlagene Stunde auf dem Oberdeck, betrachtet die grünen Wasser der Ostsee und träumt von Trelleborg, Stockholm, Oslo, Helsinki und Kopenhagen. Alles werde er wohl nicht schaffen, es sei ja eine Frage des Geldes, seufzt er schließlich, diesmal komme er wohl noch nicht über das kleine Hafenstädtchen hinaus.

In Trelleborg pflegt Walterchen, wie alle seine Landsleute, zunächst die inoffiziellen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Schweden und der DDR. Es ist ein mittlerweile gewohntes Bild. Aus allen Teilen des schwedischen Königreiches kommen trinkfreudige Schweden angereist, um am Trelleborger Pier geduldig auf die Ankunft der Fähre zu warten. Die DDR-Bürger, die mit staunenden Blicken und klirrendem Gepäck das Festland betreten, werden aufs freundlichste begrüßt und zu günstigen Geschäftsabschlüssen geradezu gedrängt. Diese Handelsbeziehungen erfolgen zu beiderseitigem Nutzen. Denn die Schnapsflaschen, die hier recht preisgünstig die Besitzer wechseln, gewähren den durstigen Schweden einige Stunden ausgelassener Heiterkeit, den DDR-Bürgern dagegen harte schwedische Kronen, ohne die eine ordentliche Landbesichtigung unmöglich wäre. Und tatsächlich befindet sich auch unser Reisender, nachdem er seine Schnapsvorräte umgerubelt hat, stolz lächelnd und unternehmenslustig im Zug nach Malmö.

Nun ist Malmö sicherlich eine schöne, ruhige und altehrwürdige Stadt. Das prächtige Rathaus und die Festung Malmöhus laden den Betrachter ebenso ein wie die Stille der Fachwerkhäuser am kleinen Markt und die reichen Geschäfte der Einkaufsstraßen. Unser Reisender staunt. Die bei Rot langsam tickenden, bei Grün aufgeregt klappernden Fußgängerampeln schließt er sofort ins Herz. Doch stärker noch lockt der Öresund, das alte stille Gewässer zwischen Schweden und Dänemark, Malmö und Kopenhagen. Vorzeiten durchsegelten die Wikinger den Sund auf ihren Eroberungsfahrten, im Mittelalter war er das Schiffahrtstor zur Ostsee und fest in dänischer Hand, und nun steht Walterchen hier, der Mann vom Prenzlauer Berg, an den sachte schaukelnden Wellen und schaut hinüber nach Kopenhagen. Kurz entschlossen nimmt er das letzte Flugboot, das um Mitternacht ablegt. Mit von der Partie sind vier Kopenhagener Geschäftsleute, die sich quietschvergnügt gegenseitig Witze erzählen und darüber schier halbtot lachen. Diese Dänen müssen ein heiterer Menschenschlag sein. Und Kopenhagen, die Stadt der Türme, größte Stadt Skandinaviens zudem, eine außerordentlich fröhliche Stadt, vermutet unser Mann aus der DDR. Die knappe Stunde über den Öresund vergeht im Fluge.

Und dann steht er im nächtlichen Kopenhagen und reibt sich verwundert die Augen. Denn diese Gegend hier, Nyhavn, erinnert mit den Segelschiffen auf dem brackigen Kanalwasser und den schwach beleuchteten Kellerkneipen eher an einen Seeräuberstützpunkt vergangener Jahrhunderte als an eine moderne Großstadt. Vorsichtig tastet sich der fremde Mann weiter, sorgsam sein Geld sichernd. Aus den Spelunken dringt dunkles Gelächter und Würfelklappern, „Öl 10 Kr.“ locken draußen die Schilder. Gegenüber warten Tätowierstuben und Seemannsheime. In dieser etwas anrüchigen Gegend wohnte im letzten Jahrhundert Hans Christian Andersen, der dänische Märchenerzähler. Er liebte es, abends mit den ungehobelten Gesellen und käuflichen Damen zusammenzuhocken und ihre Geschichten zu hören. Und auch unser Mann traut sich schließlich eine Kellertreppe hinunter, sitzt dann unter rauchgebeiztem Gebälk und bekommt ein Bier, ohne daß ihm das Fell über die Ohren gezogen wird.