Von Nikolaus Piper

Die Politiker in Deutschland wissen ziemlich genau, was sie nicht wissen. "Wer heute voraussagt, was die deutsche Einheit kosten wird, ist entweder ein Hellseher oder ein Hochstapler", sagte Bundesfinanzminister Theo Waigel am Montag abend in Ost-Berlin, nachdem er zusammen mit seinem DDR-Kollegen Walter Romberg dessen Haushalt begutachtet hatte, ohne den Finanzbedarf des zweiten deutschen Staates auch nur annähernd ermitteln zu können. Aber immerhin haben die Deutschen jetzt jemanden gefunden, der die noch offene Rechnung bezahlen wird: die Japaner.

Der Bonner Korrespondent der Financial Times, David Marsh, brachte am vergangenen Dienstag die Bundeshauptstadt und die Finanzwelt in helle Aufregung, als er auf der ersten Seite seines Blattes meldete: "Die westdeutsche Regierung zieht die Emission spezieller D-Mark-Anleihen in Erwägung, die auf ausländische Investoren, besonders Japaner, zugeschnitten sind und mithelfen sollen, die Kosten der deutschen Einheit zu finanzieren." Das Bemerkenswerte an dem Artikel der angesehenen Londoner Zeitung war weniger, daß er viele neue Fakten zutage gefördert hatte, sondern daß er die Bonner Pläne auf den Punkt brachte: Die Bundesregierung will genau das machen, wovor der SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine schon im März gewarnt hatte, sie will die deutsche Einheit "auf Pump" herbeiführen.

Die unabsehbaren Kosten der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zwischen Bundesrepublik und DDR könnten zu immensen Verteilungskonflikten zwischen Ost und West sowie zwischen Bund, Ländern und DDR selbst fuhren. Und falls irgend jemand im Regierungslager bisher vor diesen Konflikten noch keine Angst gehabt haben sollte, so belehrte ihn das Wahlergebnis von Niedersachsen eines Besseren. Den Streit der Interessengruppen versuchen die Bonner Politiker nun zu umgehen, indem sie auf das scheinbar Naheliegendste, den internationalen Kapitalmarkt, zurückgreifen.

Die Anleger an den Kapitalmärkten sahen nun ihrerseits ihre schlimmsten Befürchtungen über die Lasten der deutschen Unübersichtlichkeit bestätigt und reagierten am Dienstag entsprechend: Deutsche Anleihen gingen um fünfzig bis sechzig Pfennig im Kurs zurück, die Frankfurter Aktienborse erlebte einen Schwächeanfall, und der bis dahin extrem niedrig bewertete Dollar zog wieder auf 1,6463 Mark an.

Zunächst erscheint der Rückgriff auf den Kapitalmarkt tatsächlich naheliegend: Die Staatsverschuldung in der Bundesrepublik liegt mit einem Anteil von 1,3 Prozent am Sozialprodukt relativ niedrig, und besonders die japanischen Anleger schwimmen dank des Exportuberschusses Japans im Geld. In den vergangenen beiden Jahren legten Japaner rund dreizehn Milliarden Mark allein in der Bundesrepublik an.

Aber dies ist nur die eine Seite der Medaille. Denn auf die Finanzüberschüsse Japans sind vor allem die Vereinigten Staaten angewiesen, die mit den anlagesuchenden Yen ihr Haushaltsdefizit finanzieren. Wächst aber die Nachfrage nach Kapital, dann klettert auch der Zins – mit kaum kalkulierbaren Folgen für die Konjunktur. Und diese Nachfrage steigt wegen der marktwirtschaftlichen Öffnung Osteuropas ohnehin. Zudem werden die Senkung der Einkommensteuer und die Ausgaben für den DDR-Reisedevisenfonds in diesem Jahr die Neuverschuldung der Bundesrepublik ohnehin kräftig erhohen (siehe Graphik Seite 25).