Von Hanns-Bruno Kammertöns

Auch bei näherem Hinsehen bleibt Büttgen ein Ort von mittlerem Reiz. Eine Kleinstadt zwischen Düsseldorf und Mönchengladbach, mit einem großen Friedhof in der Mitte, einem Feuerwehrhaus und einer Bahnlinie, deren Schranke sich häufig senkt. Ringsum verliert sich der Blick in weiten, leicht hügeligen Feldern, aus denen sich hier und da Bäume trotzig gegen den Wind recken. Niederrhein, keine Landschaft, sondern ein Zustand, sagt man. Wer hier geboren ist, kommt nicht mehr davon los.

Zum Beispiel Hans-Hubert („Berti“) Vogts, vor 44 Jahren in Büttgen geboren. So etwas schüttelt man nicht einfach ab. Schule, Kegeljunge, Meßdiener in der Gemeinde Sankt Adelgundis, Eintritt bei der Freiwilligen Feuerwehr zu Büttgen, Fanfarenbläser. Und dann Fußball, Borussia Mönchengladbach natürlich, vierzehn Jahre lang, rund tausend Spiele. Als Vogts 1979 aufhörte als Verteidiger, baute er ein Haus. Nicht in Kitzbühel, sondern in Korschenbroich, ganz nah bei Büttgen.

Der Niederrheiner an und für sich – Berti Vogts quittiert den kleinen völkerkundlichen Exkurs mit einem nachsichtigen Lächeln, das ihn für Augenblicke zehn Jahre jünger aussehen läßt. „Wissen Sie“, sagt er, „ich war noch nie in den Alpen, ich bin mir sicher, in den Bergen könnte ich nicht leben.“ Er liebe „diese Weite“, die er gewöhnt sei seit seinen Kindertagen.

Als Ort für unser Gespräch hatte er eine Gaststätte in Kleinenbroich vorgeschlagen. Wie sich herausstellt, ein historisches Haus (1386), dessen antikes Mobiliar in auffälliger Weise mit den neuzeitlichen Fußballwimpeln an der Wand kontrastiert. Vogts, der mit einer Dienst-Limousine des Deutschen Fußballbundes von Korschenbroich herübergekommen ist, kennt den Wirt und, wie es scheint, auch alle anderen Gäste. Weil es Freitag ist, bestellt er Fisch und dazu Wasser.

„Sie verstehen es sicher richtig“, sagt Vogts, als sich der Kellner dankbar entfernt hat, „Pressevertreter lasse ich grundsätzlich nicht ins Haus.“ Und nach einer Pause, die er wie eine Gedenkminute verstreichen läßt, erinnert der künftige Trainer der Fußballnationalmannschaft an Jupp Derwall, den Trainer vergangener Tage. Wie man mit Derwall in der Öffentlichkeit umgegangen sei, dieser Hohn, dieser Spott zu seinem Abgang aus dem Amt... Vogts nippt an seinem Wasserglas und legt die Stirn in Falten. Andererseits, die Journalisten, es sei nun mal ihr Job. „Wenn es denn sein muß, bringe ich meinen Sohn Justin ganz einfach mit“, sagt er dann, lächelt gewinnend und sieht wieder zehn Jahre jünger aus.

Die Dinge gewissermaßen dialektisch anzugehen und sie binnen Kürze doch recht souverän einer allseits befriedigenden Lösung zuzuführen, diese Fähigkeit stand dem Mann aus Büttgen nicht immer zu Gebote. Er selbst markiert als Einschnitt seines Lebens das Jahr 1978, die Fußballweltmeisterschaft in Argentinien. Bis dahin galt Berti Vogts als eine Art getreuer Ekkehard, ein pflegeleichter Mensch, immer unauffällig, nie unbequem, der Mann im Glied sozusagen, der den Mund hielt und im übrigen tat, was der Trainer befahl.