Freiburg

Bilder einer Ausstellung. Mitunter sprechen sie von alleine, dann nämlich, wenn ihnen die Texte fehlen. Und wenn mehrere zusammenkommen, erzählen sie eine Geschichte. Zum Beispiel die folgende: Eine Bäuerin steht mit weit ausgestreckten Armen vor einem brennenden Haus. Nebenan, auf einem anderen Bild, kniet eine Frau zwischen erschossenen Zivilisten, den Kopf schreckhaft nach oben gewendet, die Augen lebend erstarrt. Neben diesem Bild das Photo von zwei jungen Männern, die eine russische Balalaika in ihren Händen halten. Das Hemd weit aufgeknöpft, ist der eine gerade dabei, sich eine Pfeife anzustecken. Die beiden sind offensichtlich in ein Gespräch vertieft. Im Hintergrund erkennt man einen Birkenwald. An einer Leine hängen Kleidungsstücke, darunter eine deutsche Uniformjacke. Der eine Soldat ist Hans Scholl, der andere Alexander Schmorell. Im Sommer 1942 wurden die Medizinstudenten zu einer sogenannten Frontfamulatur nach Rußland eingezogen. Unmittelbar vorher hatten sie gemeinsam mit Freunden Flugblätter entworfen, die zum passiven Widerstand aufforderten – Widerstand gegen Hitler, gegen Nationalsozialismus und Verfolgung, gegen einen sinnlosen Krieg.

Es waren die ersten vier Flugblätter der "Weißen Rose", einer jugendlichen Widerstandsgruppe, die sich zunächst auf wenige Studenten aus dem Freundeskreis der Geschwister Hans und Sophie Scholl beschränkte. 1943 wurden sie von Roland Freislers Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die "Weiße Rose" hatte inzwischen Anhänger in vielen Universitätsstädten gefunden, in Stuttgart, Freiburg, Berlin und Hamburg. Alexander Schmorell, so ist an anderer Stelle der Ausstellung auf einer Texttafel zu lesen, war eineinhalb Jahre alt, als seine russische Mutter starb. Russisch blieb seine Muttersprache, Rußland seine Heimat. Hans Scholl lernte in Rußland die fremde Sprache kennen und las die Bücher von Dostojewski. Abends gingen die beiden Lazarettärzte in ein Nachbardorf, sprachen mit Bauern und sangen anschließend ihre Lieder, manchmal wurden sie von ihrem Kommilitonen Willy Graf begleitet. Die drei waren Freunde. Ihre Freundschaft war von Dauer. Am 13. Januar des folgenden Jahres sitzt Willy Graf an seinem Schreibtisch in München und schreibt in sein Tagebuch: "Besuch bei Hans, auch am Abend bin ich noch dort, wir beginnen wirklich mit der Arbeit, der Stein kommt ins Rollen."

Die Freiburger Ausstellung in der Universitätsbibliothek aber kümmert weniger die Zeit der Flugblattaktionen, der Verhaftungen, der Prozesse und Hinrichtungen als vielmehr das private Detail: nicht der Stein, der ins Rollen kommt, sondern der Stein, der sich zum anderen fügt. Angehörige und Freunde der Münchner Studenten haben in ihren privaten Photoalben gestöbert, haben Erinnerungen gesammelt und aufgezeichnet, sich wissenschaftlich beraten lassen und biographische Texte entworfen. Entstanden sind Stimmungsbilder von jungen Menschen, die zu einer kleinen Minderheit gehörten. Ihre Isolation überwanden sie in Briefen und Tagebüchern. Manche fanden Verständnis bei Mitgliedern illegaler bündischer Jugendorganisationen, viele malten und musizierten, beinahe alle lasen die Bücher der Religionsphilosophen von Augustinus bis Theodor Haecker.

Unentwegt suchten sie nach Gleichgesinnten, unternahmen gemeinsame Ausflüge in die Berge, stritten und diskutierten so lange, bis sie Freunde waren. "Wir waren uns einig darüber, uneinig sein zu dürfen", erinnert sich Thorsten Müller aus Hamburg, Mitglied in der Münchner "Weiße Rose" Stiftung. Er und andere Zeitzeugen waren zu den Eröffnungsveranstaltungen nach Freiburg gekommen. Es war ein Familientreffen mit festen Absichten. Bis zum Ende der Ausstellung (31. Mai) werden nämlich Überlebende der Widerstandsgruppe mit Menschen sprechen, die heute so alt sind wie sie vor fünfzig Jahren. Susanne Hirzel-Zeller zum Beispiel erzählte Freiburger Schülerinnen über ihre Jugendfreundin Sophie Scholl.

Zeitgeschichte wird erlebbar in einzelnen Zeitstücken. Die Ausstellung soll Ende des Jahres nach New York wandern. Für deutsche Schulen werden Kopien im Posterformat erstellt. Ein halbes Jahrhundert später möchten Zeitzeugen der "Weißen Rose" durch das einige Deutschland reisen, um anderen Menschen zu erzählen, wie schwierig, aber auch schön es ist, jung und uneinig zu sein. (Kontakte über die "Weiße Rose" Stiftung e.V., Genter Straße 13, 8000 München 40, Telephon 089/36 54 45) Ulrich Herrmann