Als wir beim 30. Beethovenfest der Stadt Bonn im Juni 1980 zum ersten Mal das Streichquartett "Fragmente-Stille, An Diotima" von Luigi Nono hörten, ahnten wir, daß da eine gewaltige Veränderung sich vollzog, vielleicht schon vollzogen hatte. Denn noch kannten wir den Komponisten Luigi Nono bislang, wie Karl Amadeus Hartmann, der Leiter der Münchner Musica-Viva-Konzerte damals, ihn einmal zu kennzeichnen versuchte: "Nono klagt an, und seine Sprache ist Feuer."

Die Titel aus drei Jahrzehnten waren bereits Programme: "Epitaph auf Federico Garcia Lorca", "Y su sangre ya vienne cantando – Und dein Blut hört nicht auf zu singen", "La victoire de Guernica", "Il canto sospeso", "Intolleranza 1960", "La fabbrica illuminata", "A floresta é jovem e cheja de vida – Der Wald ist jung und voller Leben" (der FNL gewidmet), "Y entonces comprendiö – Und dann hat er verstanden", "Ein Gespenst geht um in der Welt", "Como una ola de fuerza y luz – Wie eine Welle aus Kraft und Licht" – der Komponist als der mit seinen wenngleich nie direkten, so doch durch die Intensität um so nachhaltiger wirkenden Mitteln für mehr Humanität schmeichelnd werbende, nachhaltig bittende, engagiert streitende, sich selbstlos verzehrende Kämpfer.

Es wird einem dies ja nicht in die Wiege gelegt, wenn man 1924 in eine alte venezianische Familie geboren wird. Es entsteht auch nicht, wenn man bei einem Neoklassizisten wie Malipiero Komposition studiert. Vielleicht dämmert es auf, wenn man in Padua Jura studiert. Entscheidend ist dann zum einen die Erfahrung der antifaschistischen resistenza, zum andern der aufmerksame Blick in die Gegenwart; schließlich die Ideen- und Aktionseinheit mit Gleichgesinnten wie dem Dirigenten Claudio Abbado und dem Pianisten Mauricio Pollini.

Während eines Gast-Seminars an der Stuttgarter Musikhochschule prägte er ein paar Aphorismen, die seine Haltung präzise umreißen: "Ich bin dagegen (weil ich es nicht kann), Probleme zu lösen – ich bin dafür, die Probleme immer wieder aufzuzeigen." Oder: "Ich bin für Unruhe – es gibt viel zu viel Ruhe in Form von Passivität." Oder: "Wir besitzen eine schwache messianische Chance – wir dürfen sie nicht verlieren."

Das war die "Methode" des bis in das Zentralkomitee der PCI aufgestiegenen politischen, aber nicht "ideologischen" Künstlers Luigi Nono: nicht in plakativem schreienden Agitprop zu fordern, sondern in der Dringlichkeit des hohen künstlerischen Niveaus Aufmerksamkeit für jede Form der Unterdrückung zu wecken, Hoffnung zu stiften, sich zu den Rechten der Menschheit und den Pflichten der Menschlichkeit zu bekennen. Nicht mit forscher und eingängiger Mitsinge-Musik formale Solidarität zu erzwingen, sondern in der strengen, gewissermaßen asketischen und prophetischen Eindringlichkeit der größtmöglichen Konzentration künstlerisches Einverständnis und, als Folge, intellektuelle Wachheit und Reaktion zu bewirken. Nicht beim populistischen Massen-Amüsement in der geballten Faust ein politisches Fähnchen im günstigsten Wind zu schwenken, sondern auf etwas so scheinbar Anti-Linkes zu setzen: auf das Elitäre und seine letzten Endes stärkere Kraft. Und so "benutzte" Luigi Nono selbst das bürgerlichste aller Theater, die Oper: "Theater des Kampfes, der Ideen, eng verbunden mit dem sicheren, quälenden Vorwärtsgehen zu neuen menschlichen und sozialen Verhältnissen des Lebens."

Denn schließlich war er zur Musik zurückgekommen durch zwei Persönlichkeiten, die wußten und ihr ganzes Arbeiten darauf konzentrierten, daß Kunst immer nur an der äußersten Grenze des Möglichen entsteht: Hermann Scherchen und Bruno Maderna. Und so haben wir Luigi Nono immer wieder auf Proben und in Diskussionen, selbst nach "gelungenen" Aufführungen erlebt: als einen leisen Überzeugen, als einen freundlichen Helfer und Ratgeber, als jemanden, der einen gewinnen, aber nicht überreden wollte; freilich stets auch als einen das Letzte Fordernden, der nichts mehr haßte als bequeme Kompromisse und der denn auch in aller cholerischen Vehemenz aufbrausen konnte, wenn er bürokratisches Desinteresse, künstlerische Halbheit oder besserwisseriscie Arroganz verspürte. Daß er sich in solchen Momenten mit der Drastik weder Freunde schuf noch sich selber in besseres Licht setzte, mußte er, mußten wir ertragen: Er hat es nie nachgetragen, wenngleich stets gut erinnert – selbst, als die Weggefährten der frühen Darmstädter Jahre, Stockhausen, Boulez oder Kagel, deutlich auf Eistanz zu ihm gingen.

Und nun, 1980, dieses Streichquartett, über dessen Partiturseiten Fragmente aus Hölderlin-Gedichten stehen: "... geheimere Welt... allein ... seliges Angesicht..."; "... staunend ... eine Welt ... jeder von euch ..."; "... an Neckars friedlichschönen Ufern ... eine stille Freude ... mir ... wieder..." Die Ausführenden, heißt es in der Partitur, "mögen sie ‚singen‘ ganz nach ihrem Selbstverständnis, nach dem Selbstverständnis von Klängen, die auf ‚die zarten Töne des innersten Lebens‘ hinstreben". Und so streben die Klänge des Streichquartetts: als kleine klangliche Inseln in einem Meer von Stille, ein "Archipel von Klängen". Luigi Nono auf dem Weg in sein inneres Ich?