Christoph Schaubs zweiter Spielfilm „Dreißig Jahre“ beginnt mit einem Blick in das Familienalbum einer Zürcher Wohngemeinschaft. Auf diesen Photos, typischen Schnappschüssen, sieht man drei ausgelassene junge Männer als Hauptdarsteller ihres eigenen Lebens. Einer von ihnen spricht den Kommentar dazu: „Es war die Zeit, da waren wir drei das Zentrum der Welt. Die Tage kamen und gingen, ohne daß jemand fragte, wohin.“ Franz, der Kommentator, erzählt von „herrlich verregneten Nachmittagen in Wäldern“, von „langen Gedichten“. „Daß aus mir einmal ein Schriftsteller werden würde, wir damals nicht auszuschließen.“ Aber das alles sei nun „lange vorbei“.

Jetzt jobbt Frarz gerade – hoch über Zürich – als Gehilfe eines Dachdeckers. Sein Gesicht ist voller geworden, älter: dreißig Jahre. Die alte Wohngemeinschaft löst sich auf. Franz (Joey Zimmermann) wird ein Jahr nach Barcelona gehen. Nick (Stefan Gubser) gründet eine Bier-Großhandlung, und Thomas (Laszlo I. Kish) beginnt seine Karriere als Hirnforscher und unterschreibt Verträge, „die Generationen von weißen Mäusen das Leben kosten werden, und vielleicht nicht nur denen“. Wie ein Led aus anderen Tagen zieht sich ein Gedicht von Ernst Jandl durch den Film, ein „calypso“ der gescheiterten Träume: „ich was not yet / in brasilien / nach brasilien / wulld ich laik du go.“

Schon in Schaubs erstem Film „Wendel“, der mit dem Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde, hörte der Traum von einem anderen Leben auf. Auch damals sah man Erinnerungsphotos (und Rückblenden): Wendels große Freiheit, die zu Ende war, als er nach New York zog, heiratete und ordentlich wurde. Der eigentliche Held des Films war David, Wendeis Freund, der seinem Spontileben treu blieb. Gegen die bürgerliche Existenz sprach seine gesamte Erfahrung.

Einer wie dieser David ist auch Franz. Er kommt aus Barcelona zurück, hält noch immer nichts vom Ernst des Lebens und sucht seine Freunde von damals auf. Thomas hält inzwischen Vorlesungen und ist ein erfolgreicher Forscher geworden. Aber Phasen wissenschaftlicher Höchstleistung wechseln mit rabenschwarzen Depressionen. Er sitzt in seiner unaufgeräumten Wohnung in einem Liegestuhl, starrt schwer krank die Wand an, und im Bücherregal liegt eine Pistole für den Selbstmord bereit.

Nick war früher Musiker, spezialisiert auf langsame, wehmütige Stücke, bevor er Bierhändler wurde. Wenn sein Kind einmal groß und der Bierhandel dann überflüssig sei, würde er gern wieder Musik machen, sagt er. Franz fragt: „Un voo wasch willst singe?“

„Wendel“ war eine Konfrontation: Davids bessere gegen Wendeis bürgerliche Welt. In „Dreißig Jahre“ ist das Erwachsenwerden ein unheimlicher, ein „schleichender Prozeß“, sagt Schaub. Gerade war noch Frühling im Leben der Figuren, schon ist es Herbst. Gerade hatten sie noch ein eigenes Leben, schon haben sie das der anderen, jeder ein „ewiger Sohn, der ausführt, was man von ihm erwartet“. Nur Franz, ganz oben auf dem absteigenden Ast, weiß noch um die Würde des Lebens: Frühstück um elf, gute Freunde und viele Erinnerungen an den langen Marsch, als ihm die Morgensonne in den Rücken schien.

Das Desaster dieser drei aus der Zürcher Protest-Szene: Ihr Leben, ob sie sich anpassen oder ausnehmen, grenzt auf einmal an Satire. Eben waren sie es noch, die über die anderen lachten, jetzt sind sie selber komisch – Veteranen des anderen Lebens. Das Wunderbare an Schaubs Film ist, daß er davon nicht mit dem Hochmut der Heutigen, sondern mit der Nachsicht der Gestrigen erzählt. „Dreißig Jahre“ ist ein Film über die Freundschaft.