Von Michael Reinhard

Frankfurt/M.

Natürlich haben wir Schiß“, gesteht Rolf. „Aber das hier“ – der hagere Mann deutet auf die Bierflasche in seiner linken Hand – „das hilft, die Furcht etwas zu verdrängen. Deshalb wird bei uns zur Zeit noch mehr gesoffen als sonst.“ So ab zwei Promille, sagt der 43jährige, „überkommt dich ein angenehmes Gefühl von Gleichgültigkeit“. In diesem Zustand glaube jeder, ihn werde es schon nicht erwischen. „Und wenn, dann ist es dir in deinem Suffkopp egal.“

Eine unheimliche Mordserie versetzt Frankfurts Stadtstreicher seit Wochen in Angst und Schrecken. An der Hauptwache, wo Rolf zwischen Katharinenkirche und Kaufhof jahrelang schon mit anderen Obdachlosen tagsüber die Zeit verbringt, reden sie kaum noch über etwas anderes. Fünf Männer aus ihrer Mitte sind im vergangenen Vierteljahr umgebracht worden; erst am Sonntagmorgen wurde wieder ein Opfer gefunden.

Die Polizei geht davon aus, daß es sich in allen Fällen um ein und denselben Täter handelt. Der Mörder sucht sich seine Opfer im Schutz der Dunkelheit, bevorzugt auf Parkbänken in öffentlichen Grünanlagen. Dort sind ihm die Nichtseßhaften wehrlos ausgeliefert: Vermutlich mit einem Eisenrohr schlägt er ihnen im Schlaf den Schädel ein. In Polizeikreisen nennen sie ihn „das Phantom“: „Er taucht kurz auf, begeht seine Morde und verschwindet wieder, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Rolf denkt schon mit Grausen an die ersten Tage im Juni. „Da halten wir wieder die Luft an.“ Bisher beging der „Jack the Ripper der Stadtstreicher“ (Rolf) nämlich am Monatsanfang seine abscheulichen Taten, wie auch am 4. und 5. Mai. In einem Grüngürtel unweit des Eschersheimer Turmes starben Hans-Peter M. (46), Engelbert G. (60) und Nicola Z. (42). Auf die gleiche Weise hatte der Unbekannte einen Monat zuvor in der Nacht zum 9. April den 34jährigen Wohnsitzlosen Helmut R. auf der Bank einer Bushaltestelle an der Ostzeil getötet.

Unklar ist, was den Täter zu seinen Wahnsinnstaten treibt. Die Palette der Vermutungen reicht vom rechtsradikalen Skinhead bis hin zu einem Psychopathen. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, äußerte sich Polizeisprecher Karlheinz Wagner unverbindlich. Rolf und seine mehr als vieizigköpfige Hauptwachen-Clique sind sich indes sicher: „Der Mörder kommt bestimmt nicht aus unseren Kreisen. Die Morde haben garantiert auch nix mit Politik zu tun. Der Kerl ist einfach nicht ganz klar in der Birne.“ Das Regierungspräsidium Darmstadt und die Frankfurter Polizei haben 21 000 Mark Belohnung ausgesetzt. Dennoch sind bis Mitte Mai erst 61 Hinweise im Polizeipräsidium eingegangen.

Der bislang einzige brauchbare Tip ging am 11. April ein, zwei Tage nach dem Mord an Helmut R. Ein Zeuge hatte nachts nahe des Uhrtürmchens an der Zeil beobachtet, wie ein großer Mann, 25 bis 30 Jahre alt, sich einem schlafenden Wohnungslosen näherte und mit einem stumpfen Gegenstand in der Hand zum Schlag ansetzen wollte. Als der Unbekannte den Passanten bemerkte, ergriff er sofort die Flucht. Aufgrund der Täterbeschreibung konnte die Polizei ein Phantombild anfertigen lassen. Mit Erfolg, wie es Anfang Mai schien. Im Gallusviertel nahmen die Ermittler einen Verdächtigen fest, auf den die Zeugenangaben paßten. Wenig später mußte der Mann aber wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Es stellte sich heraus, daß er mit der Sache nichts zu tun hat.

Nach diesem Fahndungsflop stehen die Emittlungsbehörden knapp vier Monate nach der ersten Tat weiterhin mit leeren Händen da. Die Polizei, so wurde in den lokalen Medien bereits gemutmaßt, lasse im Zusammenhang mit den „Berber-Morden“ den nötigen Elan vermissen. Karlheinz Wagner ist bemüht, derartige Unterstellungen zu widerlegen. Das Mordkommissariat habe eine fünfköpfige Sonderkommission eingerichtet. Zudem liefen Polizisten in Zivil und in Uniform verstärkt Streife an den Schlafplätzen der Nichtseßhaften. „Wir arbeiten mit Hochdruck an der Aufklärung und sind bemüht, den Täter rasch zu fassen. Ich kann sogar sagen: Selten wurde bei ähnlichen Verbrechen mit soviel Vehemenz an die Sache rangegangen wie in diesen Fällen.“

Rolf jedenfalls läßt auf die „Grünen“ nichts kommen: „Das Verhältnis zur Polizei ist riesig. Die kümmern sich rührend um uns.“ Im Milieu munkelt man gar, daß sich als „Penner“ getarnte Zivilbeamte unter die Obdachlosen gemischt haben, um den Mörder eventuell auf frischer Tat zu ertappen. „Die Nachgemachten riechst du schon zehn Kilometer gegen den Wind“, witzelt Rolf. „Aber sie wollen ja nur unser Bestes.“

Eine Reihe von Stadtstreichern, die Tag für Tag unter freiem Himmel schlafen, will sich jedoch nicht allein auf die verdeckte Präsenz der Polizei verlassen. Einige haben sich Wachhunde aus Tierheimen besorgt. Ein Messer hat ohnehin fast jeder von ihnen in der Tasche. Rolf selbst schläft, solange das „Phantom“ nicht hinter Schloß und Riegel sitzt, nicht mehr allein. „Drei Kumpels“ liegen neuerdings mit ihm in einem Gebüsch nahe des Römers. „Das ist sicherer.“

Viele Wohnsitzlose lehnen es freilich ab, gemeinsam mit anderen in Schlafgruppen zu übernachten. Das gegenseitige Mißtrauen ist groß. Vor allem der Alkohol gestaltet das Zusammensein schwierig. „Wenn wir betrunken sind, werden wir aggressiv und unberechenbar. Manchmal kriegt einer aus bloßem Futterneid dann eins aufs Maul. Nur weil er vielleicht noch ’ne Flasche Bier hat und ein anderer nicht“, berichtet Rolf von den rauhen Sitten unter „Berbern“.

Bevor die „Hauptwachen-Penner“ spätabends zu ihren verschiedenen Schlafplätzen ausschwärmen, teilen sie Nachtwachen ein. Rolf hat das in die Hand genommen. Wie so vieles in diesen unsicheren Tagen. Die anderen akzeptieren ihn als ihren „Chef“. Rolf ist Kontaktperson für die Polizei, führt Verhandlungen mit der Stadt und organisiert das gemeinsame Frühstück bei der Kirchengemeinde. Walter, ein Muskelpaket mit vernarbtem Oberkörper, erklärt: „Der Rolf kann am besten von uns allen reden. Und er ist auch was zum Vorzeigen, weil er sich regelmäßig wäscht und rasiert.“ Rolf macht in der Tat einen ordentlichen Eindruck: Die Jeans sind sauber, das blaukarierte Hemd frisch gewaschen, die College-Schuhe modisch. „Ich laß mich nicht hängen. Ich will irgendwann den Absprung schaffen.“ Der gelernte Koch ist seit zwei Jahren „auf Platte“. Das Restaurant, in dem er früher arbeitete, hat Pleite gemacht. Rolf, seit sechs Jahren Witwer, konnte als Arbeitsloser die Miete nicht mehr bezahlen.

Doch der Weg zurück ins sogenannte bürgerliche Leben ist beschwerlich. Rolf hat manchmal den Eindruck, „daß in unserer Gesellschaft häufig nicht die Armut, sondern die Armen bekämpft werden“. Von der Stadt sind die „Berber“ restlos enttäuscht. Sie stelle ihnen nicht genügend Wohnraum zur Verfügung.

Als Reaktion auf die Morde an den Stadtstreichern hat die Kommune eiligst in den einschlägigen Nachtquartieren mehr Betten aufgestellt. „Wir wollen aber nicht in Wohnheimen kaserniert werden, sondern in richtigen Wohnungen leben“, stellt Rolf klar.

Die Obdachlosen wären nach Rolfs Worten schon zufrieden, würde man ihnen ein paar alte, leerstehende Häuser zur Verfügung stellen. „Die könnten wir mit finanzieller Hilfe der Stadt problemlos instand setzen. Unter uns sind ein paar gute Handwerker.“

Schätzungsweise 800 Männer und Frauen haben in Frankfurt kein Dach über dem Kopf. Doppelt so viele suchen Unterschlupf in billigen Hotels, Wohnheimen oder Notunterkünften. Normalerweise hat jeder Wohnungslose, der das vergangene Jahr in Frankfurt verbrachte, Anspruch auf eine Sozialwohnung. „Es stehen aber nicht entsprechend viele Wohnungen zur Verfügung“, bedauern die Verantwortlichen im Römer. Hundert neue Wohnungen sollen noch in diesem Jahr im Rahmen des bereits laufenden Modellprojektes „Betreutes Wohnen“ geschaffen werden. 500 000 Mark stehen dafür zusätzlich bereit. Bisher hat das Sozialamt für dieses Vorhaben aber erst fünfzig Wohnungen gefunden. Der Grund: Für die angebotenen Unterkünfte werden oft Wuchermieten verlangt – zwanzig Mark pro Quadratmeter und mehr. „Unter diesen Umständen können wir den Bedarf momentan leider bei weitem nicht decken“, räumt Klaus Arzberger, persönlicher Referent der Sozialdezernentin, ein. Trübe Aussichten für die Nichtseßhaften.

„Wir stecken so schnell nicht auf“, macht Rolf sich und den Seinen Mut. „Wir lassen uns aus Frankfurt nicht wegekeln. Nicht von dem verrückten Totschläger und schon gar nicht von den Politikern.“ Das klingt kämpferisch. Aber der Tag ist jung. Und die Zwei-Promille-Grenze noch längst nicht erreicht...