Von Klaus-Peter Schmid

Es war noch drückend heiß am Abend des 10. Mai 1940, als Willy Gengenbach auf dem Bahnhof von Le Vernet aus dem Zug stieg. Über sechzehn Stunden hatte es gedauert von Paris bis ins südfranzösische Departement Ariege. Gengenbach: "Ein erbärmlicher Konvoi von etwa 150 Männern bei der Abfahrt von der Gare d’Austerlitz, der unterwegs noch um ein halbes Hundert gleich armseliger Typen angewachsen war." Die Endstation: das Internierungslager von Le Vernet, später als Lager für Politische und Kriminelle berüchtigt.

Gengenbach, damals 24 Jahre jung und als militanter Kommunist vor den Nazis nach Frankreich geflohen, hatte eine ähnliche Erfahrung schon einmal gemacht: "Das erinnerte mich an den Empfang, den uns an einem Frühlingstag des Jahres 1933 in den Mooren Norddeutschlands ein Oberscharführer mit einer Meute tollwütiger SS-Leute auf dem kleinen abgelegenen Bahnhof Börgermoor bereitete. Der einzige Unterschied: Damals schlugen sie noch brutaler auf uns ein. Aber davon abgesehen war alles von frappierender Ähnlichkeit."

Als sich der Schriftsteller Lion Feuchtwanger am 21. Mai 1940 zusammen mit seinem Kollegen Alfred Kantorowicz und dem Maler Anton Räderscheidt vor den Toren der Ziegelei von Les Milles einfand, kannte er den sinistren Ort unweit von Aix-en-Provence bereits. Er war im September 1939, kurz nach Kriegsbeginn, Opfer einer ersten Welle von Internierungen geworden. Dank heftigen internationalen Protests war er bereits am 27. September wieder freigekommen und in sein Haus nach Sanary-sur-Mer zurückgekehrt.

Jetzt, mit 55, mußte sich der schon weltweit bekannte Emigrant erneut den Erniedrigungen des Lagerlebens beugen. "Wir hatten es uns alle anders vorgestellt, als wir nach Frankreich gekommen waren", schrieb er später. "Man hatte uns gefeiert, als wir, vor Jahren, gekommen waren, die Zeitungen hatten herzliche, respektvolle Begrüßungsartikel geschrieben, die Behörden hatten erklärt, es sei eine Ehre für Frankreich, uns gastlich aufzunehmen, der Präsident der Republik hatte mich empfangen. Jetzt also sperrte man uns ein."

Am 25. Mai 1940 trat Lisa Fittko die unfreiwillige Reise in die Internierung an. Im Pariser Velodrome d’Hiver hatte die Pariser Polizei die Frauen deutscher Herkunft, die in der Hauptstadt lebten, zusammengepfercht. Nach zwei Wochen startete von einem Güterbahnhof die Fahrt ins Ungewisse. Der Zug hielt schließlich in Oloron-Sainte-Marie, nicht weit von den Pyrenäen. Lisa Fittko dämmerte es: "Jetzt weiß ich, wohin sie uns bringen, ins Konzentrationslager Gurs."

Was Feuchtwanger als "unholdes Frankreich" beschrieb, sah die 31jährige Lisa Fittko so: "Es ging über eine enge Brücke. Auf beiden Seiten standen baskische Bauernfrauen; feindselige Augen starrten uns an. Knochige, böse Köpfe saßen auf säulenartigen Gestalten, vom Kinn bis zu den Füßen in Schwarz gehüllt. Wortlos spuckten sie uns an und warfen Steine ... Hinter der Brücke hörte das Spucken und Steinewerfen auf. Lastwagen warteten auf uns, wir fuhren eine Straße hinunter, und dann sahen wir die endlose Weite des Lagers – die öde Erde und die Baracken. Wir waren in Sicherheit, wir waren hinter Stacheldraht."

Drei Erinnerungen, drei Schicksale. Lion Feuchtwanger konnte sich bald mit seiner Frau über die Pyrenäen nach Portugal retten; am 5. Oktober 1940 startete er an Bord der Excalibur nach New York in sein zweites Exil. Er starb 1958 im kalifornischen Pacific Palisades.

Lisa Fittko verdanken viele Emigranten das Leben: Sie lotste sie von Banyuls über die Grenze nach Spanien, bevor sie sich Ende 1941 mit ihrem Mann nach Kuba absetzte. Heute lebt sie in Chicago.

Willy Gengenbach, immer noch überzeugter Kommunist, ist in Frankreich geblieben. Unweit von Notre-Dame steht er vor seinem Bouquinisten-Stand am Seine-Quai, von harten Schicksalsschlägen geprüft, aber unverwüstlich.

Die deutsche Emigration nach Frankreich hat eine lange Geschichte. Am Ende des Ancien régime, in den Jahren der Großen Revolution, auch noch im 19. Jahrhundert fanden Deutsche politische Zuflucht im Nachbarland. Heinrich Heine, Ludwig Börne, Joseph Görres, Karl Marx stehen für viele, die vor Polizei, Zensur und Willkür zumindest für begrenzte Zeit ins französische Exil flohen. Bis in die ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts wahrte Frankreich seine Tradition als terre d’asile.

Das galt auch, als beim rechtsrheinischen Erbfeind der braune Terror losbrach. Die Pariser Professorin Rita Thalmann: "Die ersten Massenverfolgungen durch die Nazis hatten in Frankreich eine große Solidaritätsbewegung ausgelöst. Nach den Worten von Pierre Mendès-France waren die linken Parteien und Organisationen, kirchlichen Vereine und Hilfswerke im April 1933 bestrebt, das Gebot der Güte, der Brüderlichkeit und des Friedens zu befolgen und den Flüchtlingen hilfreich die Hand zu reichen‘."

So machten sich in den ersten Monaten nach der Machtergreifung Hitlers schätzungsweise 26 000 deutsche Flüchtlinge auf den Weg nach Frankreich, überwiegend Juden und "Antifaschisten". Zwischen 1933 und 1940 kamen vermutlich mehr als 150 000 deutsche Emigranten auf der Flucht vor den Nazis durch Frankreich. Die Zahl derer, die im Lande lebten, war aber zu keinem Zeitpunkt höher als 60 000.

Die anfängliche Sympathie und Hilfsbereitschaft schlug indes rasch in Mißtrauen und Ablehnung um. Nationalistische Kreise warnten vor Unruhestiftern und subversiven Elementen. Das Wort von der "Fünften Kolonne" ging um, hinter jedem deutschen Flüchtling wurde ein potentieller Nazi-Agent gesehen. Ruth Fabian und Corinna Coulmas ("Die deutsche Emigration in Frankreich nach 1933") beschreiben die Stimmung: "Die deutsche Emigration stieß auf die Opposition gut organisierter faschistischer oder reaktionärer Gruppen, die sich damals schon als offene Anhänger Hitlerdeutschlands erklärten. Die Pressekampagne gegen die Neuankömmlinge, die als Unruhestifter und Kriegshetzer hingestellt wurden, tat das ihre. Außerdem belastete die Tatsache, daß achtzig Prozent der Flüchtlinge Juden waren, deren Ausgangsposition: Der Antisemitismus war damals in Frankreich, diffus oder auch schon offen und aggressiv, in allen Schichten verbreitet."

Als Hitler den Krieg auslöste, stand für viele Franzosen fest: Emigranten sind in Kriegszeiten ein Risiko für die nationale Sicherheit, ihre Internierung liegt also im Interesse des Landes. Am 3. September 1939 erklärte Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg. Emigranten wurden mehr oder weniger wahllos abgeholt, tagelang eingesperrt und dann in eines der rund hundert eilends errichteten Lager abtransportiert. Am 7. September 1939 tauchten überall im Land Anschläge auf, die "feindliche Ausländer zwischen 17 und 50 Jahren" aufforderten, sich mit einer Wolldecke, Waschsachen und Verpflegung für zwei Tage an einem bestimmten Ort ihres jeweiligen Departements einzufinden. Zwei Wochen später wurde die Altersgrenze auf 55 Jahre heraufgesetzt; Frauen blieben zunächst verschont.

Diese erste Welle von Internierungen machte einen verheerenden Eindruck im Ausland. Auch linke französische Politiker nahmen Anstoß an der rechtlich dubiosen Verwahrung. Der sozialistische Abgeordnete Marius Moutet sprach vor der Nationalversammlung gar von Konzentrationslagern: "Tausende von Menschen sind verhaftet worden ... Es lag kein Haftbefehl gegen sie vor, es wurde keine Anklage erhoben und kein Richter eingeschaltet. Wochenlang herrschte uneingeschränkte Willkür, bis zu dem Tag, an dem der größte Teil der Inhaftierten in die Konzentrationslager für Verdächtige eingeliefert wurde ... Es ist nicht zu verantworten, daß die Menschen, die aus den Lagern Hitlers entkommen sind, nun in französischen Lagern interniert bleiben. Das wäre zu ungerecht, zu grausam. Diese Menschen müssen in kürzester Zeit freigelassen werden."

In der Tat kamen in der Folge vor allem anerkannte Hitler-Gegner wieder frei. Viele Männer verpflichteten sich für die Fremdenlegion und wurden nach Nordafrika verschifft. Doch bald füllte eine zweite Internierungswelle die Lager erneut. Am 10. Mai 1940 begann die große Offensive der Wehrmacht im Westen. Zwei Tage danach erließ Innenminister George Mandel, selber Jude, eine erneute Aufforderung an deutsche Flüchtlinge, sich in Sammellagern zu melden. In Paris war das für Männer das Buffalo-Stadion, für Frauen das Vélodrome d’Hiver. Wieder rollten die Züge in weiter entfernte Massencamps im Süden Frankreichs. Allein in Gurs trafen am 23. Mai 2364 Frauen aus Paris und Umgebung ein.

Für viele leidgeprüfte Emigranten stand jedoch das Schlimmste noch bevor. Als nämlich Frankreich am 22. Juni ein Waffenstillstandsabkommen mit den Nazis unterzeichnete, akzeptierte es auch den verhängnisvollen Artikel 19. Damit verpflichtete sich die Regierung, "alle Deutschen, die von der deutschen Regierung in Frankreich namentlich aufgeführt werden, wie auch die in französischen Besitzungen, Kolonien, Territorien und Mandatsgebieten, auszuliefern". Hitler-Deutschland bekam damit Zugriff auf seine ärgsten Feinde, Nazigegner gerieten in akute Lebensgefahr.

Zwischen dem 27. Juli und dem 30. August 1940 besichtigte eine Kommission unter Anführung des Legationsrats Ernst Kundt im noch unbesetzten Frankreich 31 Lager, 16 Gefängnisse und 10 Krankenhäuser. Sie verfügte über eine Liste mit den Namen von Nazigegnern, die von der Gestapo gesucht wurden. Marschall Philippe Petain, der neue französische Staatschef, lieferte bereitwillig die angeforderten Personen aus.

Schätzungsweise 25 000 deutsche, österreichische und saarländische Emigranten saßen zu diesem Zeitpunkt in Lagern. Auf einer Namensliste von rund 700 Insassen des Lagers Le Vernet steht hinter etwa 270 Namen als Grund für den Abgang aus dem Lager der Hinweis "nach Deutschland". Unter ihnen Theodor Wolff, der einstige Chefredakteur des Berliner Tageblatts. Prominente Opfer der Auslieferung waren auch der ehemalige Minister Rudolf Hilferding und Rudolf Breitscheid, lange Vorsitzender der SPD-Fraktion im Reichstag. Sie überlebten – wie Theodor Wolff – den Naziterror nicht. Als dann im November 1942 deutsche Truppen Frankreich vollständig besetzten, griff sich die Gestapo die namentlich gesuchten Emigranten selber.

Vernichtungslager im Sinne eines KZ gab es in Frankreich zu keinem Zeitpunkt, nirgends wurde mit Vorsatz getötet. Von März 1942 an rollten aber auch aus Frankreich die Züge mit emigrierten und deportierten Juden nach Auschwitz. Viele Lagerinsassen konnten fliehen, tauchten unter, schlossen sich der Résistance an. Andere schafften es, vornehmlich mit amerikanischer Hilfe, ein Visum für die USA oder Mexiko zu bekommen, dazu die nötigen Transitvisa für Spanien und Portugal, einen der raren Plätze auf einem Dampfer, das Geld für das Passage-Ticket und die unzähligen, unerläßlichen Stempel der französischen Behörden. Und viele nahmen sich vor Verzweiflung das Leben. Wie die Schriftsteller Walter Hasenclever, Walter Benjamin, Carl Einstein, Ernst Weiss ...

Verwirrende Zustände im Lager von Les Milles, Anfang September 1939. "Da sind die Tschechen, die darauf hinweisen, daß sie Verbündete Frankreichs sind; da ist ein besonders aufgeregter und aufdringlicher Emigrant aus Danzig, der bis zum Überdruß wiederholt, daß dieser Krieg ja schließlich und endlich wegen Danzig begonnen habe – der Mann war nach zwei Tagen abgestempelt als: Le Danzigois. Da sind Fremdenlegionäre, die die Brust voller französischer Orden und Ehrenzeichen haben und nach ihrer langen Dienstzeit in der Legion Frankreich als ihr Heimatland betrachten. Da ist ein Elsässer, der nie in Deutschland war und kaum Deutsch sprechen kann. Seine beiden Brüder dienen in der französischen Armee. Da sind Deutsche, die seit zehn oder fünfzehn Jahren in Frankreich leben, mit französischen Frauen verheiratet sind, französische Kinder haben. Da sind wir Emigranten, zumeist natürlich Juden, aber auch eine Anzahl von nichtjüdischen Nazigegnern, und unter uns solche, die längst offiziell ausgebürgert, das heißt, der deutschen Staatsangehörigkeit verlustig erklärt worden sind und daraufhin eine Art französischen Fremdenpaß erhalten haben."

So schildert Alfred Kantorowicz in seinen Erinnerungen ("Exil in Frankreich") die Lage in der seit 1938 stillgelegten Ziegelei bei Abt, wenige Tage nach Kriegsausbruch. Im Halbdunkel der staubigen, schmutzigen Räume, deren Lehmboden mit Stroh bedeckt ist, stürzen sich Heere von Flöhen, Läusen und Wanzen auf die Neuankömmlinge. Eine Lagerstatt von kaum mehr als siebzig Zentimeter Breite steht jedem Internierten zu. Die Fenster sind verdunkelt, der feine Ziegelstaub durchdringt alles. "Er ist überall", so André Fontaine, der Historiker von Les Milles, "auf dem Boden, an den Wänden, in der Kleidung, in den Poren der Haut, im Essen." Dazu kommt der eisige Mistral, kommen miserable sanitäre Einrichtungen. Als Toilette dient ein zwanzig Meter langer offener Graben. Mücken treiben die Menschen zur Verzweiflung, Epidemien bleiben nicht aus.

Etwa 1850 Menschen verbringen unter solchen Bedingungen den Winter 1939/40. Nach kurzer Schließung im April 1940 sind es im Sommer desselben Jahres sogar 3500, immer noch halb soviel im Sommer 1942. Die Liste der Insassen liest sich wie ein Gotha der deutschen Intelligenz auf der Flucht vor Hitler. Die Schriftsteller Walter Benjamin, Joseph Breitbach, Walter Janka, Lion Feuchtwanger, Franz Hessel, Walter Hasenclever sind in der Ziegelei eingesperrt; ebenso der junge Golo Mann, Bruno Frei von der Weltbühne und Simplicissimus-Chefredakteur Franz Schönberner. Dazu kommen Maler vom Rang eines Max Ernst, Hans Bellmer und Wolfgang Schulze alias Wols; daneben Wissenschaftler wie Wilhelm Reich und der Nobelpreisträger für Medizin, Otto Meyerhof.

Die Intellektuellen unter den Internierten geben Kurse, halten Vorträge. Es wird Theater gespielt: Werner Zippert, der Architekt des Flughafens Berlin-Tempelhof, steuert die Bühnenbilder bei, die Inszenierung besorgt der Düsseldorfer Opernregisseur Friedrich Schramm. Titel wie "Im nicht ganz weißen Rößl" oder "Die Nibelungen-Entzündung" zeugen von beträchtlichem Lebensmut. Heute noch erhaltene bunte Fresken in einem Wärterhäuschen zeigen, daß auch die Maler von Les Milles nicht kapitulieren.

Die traurigste Stunde des Lagers schlägt im August 1942, als Les Milles zur Durchgangsstation auf dem Weg in die deutschen Vernichtungslager wird. Die "Endlösung der Judenfrage" gilt auch für das besetzte Frankreich und wird von der französischen Regierung in Vichy tatkräftig unterstützt. SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker kommt bei seiner Tour durch die Lager auch nach Les Milles und macht 1192 "deportierbare" Personen aus. Frauen und Kinder werden aus anderen Lagern herangeschafft. Am frühen Morgen des 11. August fährt der erste Zug aus der Provence in Richtung Auschwitz, in Viehwaggons zusammengepfercht die Opfer des nazistischen Rassenwahns.

Wenn es in der tristen Welt der Internierung einen Namen gibt, der besonderen Schrecken verbreitet, dann ist es Le Vernet, das Straflager mit seinen drei Sektionen: A für "Kriminelle", B für "Politische", C für "Verdächtige". François Bondy, der als Schweize-Staatsbürger im Sommer 1940 zwei Monate unfreiwillig in den ehemaligen Militärbaracken verbracht hat, schreibt hinterher: "Die Aufteilung ist äußerst willkürlich, um so mehr als niemand weiß, was ‚Verdächtiger‘ bedeutet, und fast keinewußte, wessen er verdächtigt wurde. In den drei Sektionen findet man Männer, die wegen ihrer politischen Überzeugung interniert sind – meisten, Linke. Aber in den drei Sektionen findet man vor allem Männer, die ohne Grund interniert sind, nach einer anonymen, nicht überprüfbaren Denunziation, aufgrund ihres Wohnorts oder aus noch unerfindlicheren Gründen."

Zur Willkür kommt Demütigung in ihren schlimmsten Formen. In seinem Bericht "Der Abschaum der Erde" hat Arthur Koestler unbestechliche Dokumente hinterlassen. Er hat zwar einen ungarischen Paß, ist aber als Jude, ehemaliger Kommunist und deutschsprachiger Publizist gleich mehrfach verdächtig. Eine Momentaufnahme aus dem Winter 1939: "Das Thermometer sank auf 20 Grad unter Null und tiefer, und in der ganzen Sektion C gab es immer noch keinen einzigen Ofen, und die Bewohner der Leprabaracke mußten weiterhin mit 15 Wolldecken auskommen. Sie konnten sich nicht einmal unter dem Stroh verkriechen, die Strohschicht war nur drei Zentimeter dick."

Zeitweise hausen 200 Männer in einer Baracks von etwa 150 Quadratmetern. Einmal in der Woche darf geduscht werden, das Wasser ist nicht trinkbar. "Die einzige Hygiene-Maßnahme", erinnert sich Bondy, "besteht darin, den Neuankömmlingen den Kopf kahl zu scheren."

Im Sommer 1940 sieht die "Speisekarte" so aus: 11 Uhr Makkaroni, 17 Uhr Reissuppe; oder 11 Uhr Kichererbsen, 17 Uhr Kichererbsen; oder 11 Uhr Linsen, 17 Uhr Reissuppe. Kein frisches Gemüse, kein Obst, kaum Fleisch. Dazu Koestler: "Die paar Gramm Fleisch, die in der Suppe schwammen, waren meist schon so verdorben, daß nur die Allerhungrigsten ihren Ekel überwanden und es aßen." Die Folgen sind chronische Unterernährung, Koliken, Diphtherie, Typhus. Internierte Ärzte dürfen sich nicht um die Kranken kümmern. Wer aufmuckt, wandert ins berüchtigte Lagergefängnis, wo Prügel und Tritte an der Tagesordnung sind. Mehrere Häftlinge werden bei Fluchtversuchen erschossen.

Stärker als in den übrigen Lagern führt die Anwesenheit vieler Kommunisten (unter ihnen die späteren SED-Funktionäre Hermann Axen, Franz Dahlem, Alfred Neumann) zur Bildung einer straff organisierten Parteistruktur. Die Deutschen im Lager werden von KPD-Leuten vertreten. Sie kanalisieren die Unzufriedenheit und artikulieren sie gegenüber der Lagerleitung. Sie feiern den Jahrestag der Oktoberrevolution und propagieren den proletarischen Internationalismus. "Renegaten" wie Koestler oder der Schriftsteller Gustav Regler sind in den Augen der orthodoxen Kommunisten Spitzel und werden entsprechend behandelt.

An die 40 000 Männer machen zwischen 1939 und 1944 unfreiwillige Bekanntschaft mit dem Lager von Le Vernet, das auch amtlich als camps de concentration bezeichnet wird. 153 Grabsteine erinnern heute wenigstens an einen Teil der "Fremden, die fern ihrer Heimat gestorben sind", wie es auf einem Gedenkstein auf dem Dorffriedhof heißt.

Stadt ohne Männer" hat Gertrud Isolani ihren gleich nach Kriegsende erschienenen Roman des Lagers Gurs genannt. Von Mai bis Juli 1940 ist sie mit ihrer Tochter in der schrecklichen Barackensiedlung am Fuße der Pyrenäen festgesetzt. Die einst in Deutschland geschätzte Erzählerin und Feuilletonistin: "Wo in der ganzen Welt das Wort ‚Gurs‘ fällt, da erwachen die Erinnerungen und Vorstellungen von Baracken in einer Schlammwüste, von Leibes- und Seelennot, von nagendem Hunger, Schmutz, Ungeziefer, Epidemien und schleichendem Tod."

Gurs, das ist von allen französischen Internierungslagern das größte, absurdeste, mörderischste. "Wo das Wort ‚Gurs‘ fällt", schreibt Gertrud Isolani weiter, "da tauchen Visionen auf von den jahrelang in Gurs internierten Spaniern des Bürgerkrieges, von fast zwanzigtausend internierten Frauen aller Alter und Nationalitäten im Jahre 1940 und von den nach Gurs deportierten jüdischen Männern und Frauen aus Süddeutschland, Kindern und Greisen (auch über Neunzigjährigen), die in Gurs dahinsiechten und starben oder bis zu den Juden-Deportationen im August 1942 und später dort gesammelt wurden."

Der Schrecken von Gurs beginnt im April 1939 mit dem Eintreffen von 15 000 Spanienflüchtlingen. Zwei Wochen später sind es schon 19 000, unter ihnen 1200 Deutsche und Österreicher. Kommunisten geben den Ton an, kaum jemand will ins Hitlerreich zurück. Nach Kriegsausbruch beginnen die Militärbehörden, viele "Politische" nach Le Vernet zu verlegen. Im Dezember fordert der Gemeinderat des nahen Städtchens Oloron-Sainte-Marie die Schließung des Lagers: "Es kann nicht hingenommen werden, daß all die unerwünschten Personen, die es bevölkern, in ihrer Untätigkeit von uns ausgehalten werden." Bis Mai 1940 geht die Zahl der Lagerinsassen auf unter tausend zurück – doch da bricht die Welle deutscher Frauen über Gurs herein.

Ende Juni ist die Zahl der Frauen und Kinder, die in Gurs hausen, auf 6356 hochgeschnellt. Eine von ihnen, die Cineastin Lotte Eisner, hat vor einigen Jahren zu Protokoll gegeben: "In unserem Lager gab es keinen einzigen Baum. Baracken für 60 Frauen, von denen die meisten hysterisch werden ... Wir lebten in der Sektion J. Der für diese Sektion verantwortliche Offizier kam jeden Abend mit einer Hundepeitsche und suchte das hübscheste Mädchen, um mit ihr zu schlafen. Als Gegenleistung bekam sie zu essen." Unsägliche hygienische Zustände, Ratten, Seuchen, Hungerödeme – zwischen Oktober 1940 und März 1941 zählt man in Gurs 655 Tote.

Das vielleicht tragischste Kapitel von Gurs beginnt in der letzten Oktoberwoche 1940 mit der Abschiebung von zehntausend Juden aus Baden und der Pfalz in den äußersten Süden Frankreichs. Alle "transportfähigen Juden", so ordnet das badische Innenministerium an, sind "festzunehmen und abzutransportieren". In Mannheim ist an die mit der Aktion befaßten Polizisten die Anweisung ausgegeben worden: "Nachdem den eingesetzten Beamten die Personalien der Juden bekanntgegeben worden sind, begeben sie sich zu den Wohnungen der Betreffenden. Sie eröffnen ihnen alsdann, daß sie festgenommen sind, um abgeschoben zu werden, wobei darauf hinzuweisen ist, daß sie in zwei Stunden abmarschbereit sein müssen."

Es existieren relativ genaue Angaben über die annähernd 20 000 Personen, die sich zwischen August 1940 und Juni 1944 über kürzere oder längere Zeit in Gurs aufhalten. Achtzig Prozent von ihnen sind Deutsche, fast ausnahmslos Juden; 42 Prozent kommen aus Baden, von ihnen ist gut ein Viertel älter als 65 Jahre. Einer von acht badischen Juden überlebt die Strapazen nicht. In einer in den Basler Nachrichten veröffentlichten Zuschrift heißt es: "Die Zustände in diesem Lager sind derart, daß, wer sie nicht mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib erlebt hat, sie nicht für möglich halten würde."

Im Sommer 1942 entvölkert sich Gurs auf schreckliche Weise. Die Nazis fangen damit an, die Juden aus Gurs heim ins Reich zu holen. Der erste Transport umfaßt die Anfangsbuchstaben A bis S, der zweite von T bis Z. Nach einer Zwischenstation in Drancy nördlich von Paris endet die letzte Reise in Auschwitz. Die Deponierungen halten bis zum März 1943 an. Dann ist die Geschichte des "deutschen" Lagers Gurs zu Ende.

Wenige Deutsche und wohl noch weniger Franzosen wissen heute um die Existenz der Internierungslager. Sie sind eines der großen deutsch-französischen Tabus geblieben, obwohl es gerade aus dieser schmerzlichen Zeit viele prominente Augenzeugenberichte gibt. Es paßt offensichtlich nicht in das selektive französische Geschichtsverständnis, daß antifaschistische Emigranten, die in Hitler denselben Gegner hatten wie Frankreich, wie Feinde behandelt wurden; daß Tausende wehrloser Juden deutscher Herkunft an die Nazischergen ausgeliefert wurden.

Hätten nicht einige engagierte Wissenschaftler wie André Fontaine, Jacques Grandjonc, Gilbert Badia oder Barbara Vormeier die Quellen sorgfältig aufgearbeitet, wäre dieses traurige Kapitel deutsch-französischer Verstrickung möglicherweise ganz in Vergessenheit geraten. Gurs ist heute eine würdige Gedenkstätte. In Le Vernet sorgt sich eine "Amicale des Anciens Internes Politiques et Resistants", die vor allem von den Nachkommen spanischer Flüchtlinge getragen wird, um das Andenken der Opfer. In Les Milles, dessen Geschichte kaum einem der heutigen Anwohner etwas sagt, versucht man immerhin, einige wenige Spuren der tragischen Vergangenheit zu sichern.

Bei vielen der Überlebenden ist Bitterkeit zurückgeblieben. Für Willy Gengenbach ist Le Vernet noch heute das "Lager der französischen Infamie". Er klagt den Vertrauensbruch an, "der an Männern und Frauen begangen wurde, die an den Wunden und Krankheiten der Verfolgung litten, die glaubten, ihren geschundenen Körper und Geist in diesem Land pflegen und heilen zu können, von dem Victor Hugo behauptete, es sei im Unglück für jeden Menschen eine zweite Heimat".

Andere gehen mit den Franzosen nicht so hart ins Gericht. Lion Feuchtwanger zum Beispiel versucht, ihre Schuld zu relativieren: "Ich glaube denn auch nicht, daß böse Absicht an unserem Unheil schuld war, ich glaube nicht, daß der Teufel, mit dem wir in Frankreich von 1940 zu tun hatten, ein besonders ausgekochter Teufel war, der seine Freude hatte an sadistischen Späßen. Ich glaube vielmehr, daß es der Teufel der Schlamperei war, der Gedankenlosigkeit, der Herzensträgheit, der Konvention, der Routine."

Zudem warnt Feuchtwanger vor einer allzu simplen Verallgemeinerung: "Überhaupt war der weitaus größte Teil der Bevölkerung auf unsrer Seite, und wenn die Behörden uns, Frankreichs Gäste, durch Schlamperei und verbrecherischen Leichtsinn in die lebensgefährliche Situation gebracht hatten, in welcher wir jetzt waren, so tat das französische Volk das Seine, uns wieder herauszuhelfen." In der Tat kann es keinen Zweifel daran geben, daß viele Franzosen ihr Leben riskierten, um das deutscher Emigranten zu retten.

Auch dies darf man nicht einfach außer acht lassen: Die deutschen Konzentrationslager waren noch um vieles unmenschlicher als die "mit einer für die französische Verwaltung typischen Mischung aus Dummheit, Korruption und Laisserfaire" (Koestler) geleiteten Lager. Koestler scheut sich nicht, eine Rangliste des Schreckens zu formulieren: "In den Wertbegriffen der Freiheit gemessen, stand Vernet ganz unten, am Nullpunkt der Skala von Niedertracht und Verbrechen; legte man aber Dachau als Maßstab an, dann stand Vernet noch immer weit oben. In Vernet gehörten Prügel zur täglichen Routine, in Dachau wurden Gefangene zu Tode geprügelt. In Vernet starben die Menschen, weil ihnen ärztliche Hilfe fehlte, in Dachau wurden sie vorsätzlich umgebracht. In Vernet mußte die Hälfte der Häftlinge bei zwanzig Grad minus ohne Wolldecken schlafen, in Dachau wurden sie in Ketten gelegt und nackt der Winterkälte ausgesetzt."

Gegen die Hölle von Auschwitz war der "Teufel in Frankreich", wie Feuchtwanger seinen Erlebnisbericht aus der Lagerzeit überschrieb, mit Sicherheit das kleinere Übel. Die systematische Vernichtung in den Konzentrationslagern bleibt ein unvergleichliches Verbrechen. Doch daß das Kapitel "Internierungslager" in keinem Geschichtsbuch auftaucht, spricht nicht gerade für die Solidität der deutsch-französischen Verständigung.