Abends, am 14. Mai: Wieder so ein erniedrigender Wahlabend. Erst die deprimierenden Ergebnisse aus Hannover, dann als Verlierer in dieser blödsinnigen Fernsehrunde. Wie der Vogel sich wieder aufblähte, einfach ekelhaft. Wenn ich einem solche Triumphgefühle nicht gönne, dann dem! Ich verstehe es ja wirklich nicht. Keiner kann’s verstehen: die Hannelore nicht, die Juliane nicht, der Schäuble und der Rühe nicht: diesen Undank, draußen im Land. Da rackert man sich Tag und Nacht ab für Deutschland – und der Lohn? Gewählt werden die anderen. Ein Saupack, diese Wähler! – ohne jedes Gefühl für historische Größe. Alles nur kleinkarierte Angst um ihre paar Kröten.

15. Mai frühmorgens: Mit ihrer Mehrheit im Bundesrat kann mir jetzt die SPD nach Herzenslust Knüppel zwischen die Beine werfen und damit so rabiat umgehen wie wir damals bei den Ostvertragen. Aber gnade ihnen Gott, wenn sie jetzt den Staatsvertrag sabotieren sollten, dann wird kein Pardon gegeben, dann nagele ich sie am Pranger fest als Vaterlandsverräter. – Wenn aber der Schuß nach hinten losgeht und die Wähler die SPD dafür auch noch belohnen, weil ihnen Mallorca näher liegt als Magdeburg? Dann haben sie die Vereinigung nicht verdient – und mich auch nicht.

16. Mai nachmittags: Mußte mich überwinden und schon wieder Vogel empfangen. Unverbindliches Blablabla. Wirkte ziemlich obenauf, der Herr Oberlehrer, weiß, ohne ihn läuft nichts mehr. Na warte Bürschchen, dir zahle ich’s noch mal heim.

16. Mai abends Meine Kehrtwendung in Sachen Wahltermin kam in den Medien nicht gut an, nur die FAZ zeigte natürlich Verständnis. Was bleibt mir nach Hannover denn arderes übrig, als auf die Stimmen meiner getreuen DDR-Freunde zu setzen, solange sie mich dort noch für den lieben Herrgott halten. Es geht ja nun mal schlichtweg um mein und Deutschlands Schicksal!

17. Mai nachts Auf dem Flug nach Washington mußte ich wieder an Churchill denken, wie der 1945 nach seinem grandiosen Sieg von seinen undankbaren Landsleuten gnadenlos in die Wüste geschickt wurde. Ob mir das auch blüht?

18. Mai morgens: Als ich neben Bush auf dem Sofa saß und er mir von gleich zu gleich freundschaftlich die Hand auf die Schulter legte, als er dann meinen Rat suchte und mir aufmerksam zuhörte und beifällig nickte, da war Hannover weit weg. Es ging mir gleich viel besser. Der Helmut Kohl im Weißen Haus beim Präsidenten von Amerika – so weit hat’s noch kein Oggersheimer gebracht!

18. Mai abends Staatsvertrag. Endlich unter Dach und Fach. Und jetzt: Tempo, Tempo. Das Ziel liegt zum Greifen nahe, noch ein paar Meter – und in den Geschichtsbüchern wird ein Kapitel lauten: Vom Reichsgründer Bismarck zum Staatsgründer Kohl!