Von Claus Spahn

Rauschender Beifall, Hans Werner Henze lächelt. Stehend nimmt er auch bei seinem letzten Auftritt im Abschlußkonzert den Applaus entgegen, und einen Augenblick lang scheint es, als habe sein haarloses Haupt noch etwas an Glanz zugelegt. Die zweite Münchner Biennale war ein Erfolg. Was aber ist eigentlich Erfolg bei einem Festival für zeitgenössisches Musiktheater? Wenn der Bundespräsident kommt und sich ganz ohne protokollarischen Zwang in eine Uraufführung setzt, so könnte man argumentieren, oder wenn sich die Münchner Zeitungen drei Wochen lang mit Vor- und Hintergrundberichten, einführenden Gesprächen und Rezensionen geradezu überschlagen. Vor allem aber, wenn die Zahl der Zuschauer die der Ausführenden deutlich übersteigt. In diesem Punkt allerdings hat der Münchner Stadtkämmerer schon vor zwei Jahren, als die Biennale zum ersten Mal stattfand, eine sehr viel verfeinertere Methode der Erfolgsmessung ausgetüftelt: Er zählte alle ausgegebenen Eintrittskarten und subtrahierte die Freikarten. Demnach war das Festival ein krasser Mißerfolg. Gut möglich, daß der Kämmerer auch dieses Mal wieder addiert und subtrahiert und feststellt, daß eine solche Veranstaltung viel zu teuer für die Stadt München ist (sie finanziert die Hälfte des Acht-Millionen-Etats). Vielleicht wird auch ein recht(s)schaffender Stadtrat wieder "Kommunistenfestival" schimpfen. Das jedoch wäre dann wieder ein Erfolg.

Den größten Triumph dieser Biennale feierte Hans Werner Henze als künstlerischer Leiter selbst. Seine Medienpräsenz glich der eines Spitzenpolitikers in der heißen Wahlkampfphase. Glühende Danksagungen begleiteten jeden Auftritt. Die Münchner Biennale ist sein Festival: Er hat die Konzeption entworfen. Er alleine entscheidet, wer einen Kompositionsauftrag erhält. Er wirkt auf die entstehenden Werke ein bis hin zu Librettovorschlägen und Instrumentationsvorgaben.

Einen heimlichen (und deshalb besonders schönen) Triumph hat die Biennale über Wolfgang Sawallisch errungen. Kürzlich erst hatte der Staatsoperndirektor das fest engagierte Regieteam um den Choreographen Hans Kresnik kurzerhand vor die Tür gesetzt, weil es in einer Inszenierung für die Opernfestspiele im Juli Menschen "wie aus dem Otto-Katalog" auf die Bühne bringen wollte. Ausgerechnet in diesem, von Sawallisch und seinen Anhängern sorgsam gepflegten, erzkonservativen Opernklima gedeiht nun ein Festvial, das vor Abenteuern aus dem Versandhauskatalog nicht zurückschreckt und dem Staatsopernmuff einen Aufbruch in neue Formen des Musiktheates entgegensetzt. Konsequent gibt Henze jungen Komponisten, Regisseuren und Bühnenbildnern die Gelegenheit, sich in die musikdramatische Form einzuarbeiten. Er sucht einerseits die Kooperation mit Staats- und Stadttheatern – die Bühnen in Stuttgart, Kassel und Aachen übernehmen je eine Produktion in ihre Spielpläne – und setzt andererseits auf das Engagement freier Ensembles, die im Umgang mit der neuen Musik zumeist flexibler und motivierter sind als manches schwerfällige Opernorchester an einem etablierten Haus. Die Spielorte im Kulturzentrum am Gasteig oder im Kongreßsaal des Deutschen Museums erlauben keine komplizierten Bühnenarbeiten. Das Wichtigste aber: Die neuen Stücke werden einem großen Publikum vorgestellt und fristen kein Schattendasein in den Werkstattbühnen der Opernhäuser. Die Bedingungen, die Henze geschaffen hat, sind günstig. Wenn am Ende dieser Biennale dennoch die Enttäuschung über lange Durststrecken des Mittelmaßes ebenso groß ist wie die Freude über die eine oder andere Entdeckung, dann ist das ein Argument für die Notwendigkeit eines solchen Festivals.

Im Grunde genommen, sagt der 39jährige Würzburger Klavierprofessor und Komponist András Hamary, finde er es sehr verwunderlich, daß in einer Oper immer alle singen. Seine erste Oper "Seid still" beginnt als Sprechtheaterstück. Die Kleinbürgergesellschaft eines ungarischen Dorfes erwartet den Besuch eines Majors, der dort seinen Heimaturlaub verbringen will. Die Psyche des Offiziers ist schwer angeschlagen. Er verträgt weder Lärm noch Gerüche. Die Paranoia plagt ihn, und in nächtlichen Fieberträumen sieht er sich als Wurst: "Ich knackte zwischen den Zähnen des Feindes."

Der schlimmste Frontschaden, den er im Krieg davongetragen hat, ist zugleich der sonderbarste: Der Major spricht nicht, er singt und versteht auch nur, wer ihm singend antwortet. Die Dorfbewohner unterwerfen sich, wenn auch widerwillig, dieser Marotte. Erst jetzt, nachdem mehr als eine Viertelstunde lang nur gesprochen worden war, wird "Seid still" zur Oper. Gesang entsteht aus der zwanghaften Deformation eines kranken Geistes und dient fortan als Mittel der Unterdrückung. Ein gelungener dramaturgischer Kunstgriff, vielleicht die schönste Idee des gesamten Stücks. Sie spiegelt die distanzierte Haltung wider, mit der Hamary sich der Form Oper genähert hat. Wohltönendes Gesangsmelos offenbaren seine Figuren nie. Wie ausgebeint wirken die Stimmen, reduziert auf einen emotionsarmen, scharfen Tonfall. Bestimmt ließe sich aus dieser Partitur, die im Orchester auf kleinzelligen, repetierten Motiven, verknappten Klanggesten und grotesk überdrehten Zitatspots aufbaut, achtbares Musiktheater formen. Die Regie (Christian Kohlmann – vor zwei Jahren noch hatte er mit Adriana Hölszkys "Bremer Freiheit" eines der am meisten beachteten Stücke inszeniert) hat diese Chance jedoch bei der Uraufführung vertan. Sie versucht, uns eifrig die politische Brisanz des Stoffes nahezubringen: die Unterdrückungsmechanismen der Diktatur und den obrigkeitshörigen Kleinbürger. Sie hantiert mit Hakenkreuzfähnchen und Naziuniform und triumphiert am Ende mit der Botschaft: Wieder nichts gelernt aus der Geschichte. Uns aber hätte interessiert, warum der Major immerzu singt.

Michele Reverdy und Hans-Jürgen von Bose: Sie, eine Schülerin von Oliver Messiaen, ist Professorin für Analyse am Pariser Konservatorium und bei uns als Komponistin noch nahezu unbekannt. Er gehört längst zu den Anerkannten der jüngeren Komponistengeneration. Beide haben nicht zum ersten Mal für die Bühne komponiert. Beide aber lassen sich genau auf jenes Musiktheater ein, das Henze im Auge hatte, als er die Idee der Biennale im Programmkatalog 88 formulierte: "Wir denken an Formen einfacher szenischer Realisierungen, an kleine Besetzungen. Eine Form, die bescheiden an Mitteln, womöglich aber überfließend von Phantasie und Talent." Ihre Auftragswerke für die diesjährige Biennale zeigen, wie extrem gegensätzlich die Richtungen sein können, in die sich dieses Genre entwickeln läßt. Michèle Reverdys Stück "Le Precepteur" will ganz Substanz sein, ohne Abschweifungen. Alle ihre Bilder konzentrieren sich wie in einem Parabolspiegel. In von Böses Oper "63: Dream-Palace" hingegen wirken vulkanische Kräfte. Die Musik gebärdet sich wild und aufreizend. Die Szene schillert in grellen Farben.