John Casablancas

Von Anna v. Münchhausen

Wie finden Sie dies hier?" Seine Pressesprecherin gibt sich wirklich Mühe, fündig zu werden. Allerdings kein Wunder, daß sie zögert: Ein Zufallsknipser aus den Ferien, leicht verwackelt; oder dies? Na ja. Bißchen füllig im Gesicht, dazu ein Haarschnitt aus den späten Siebzigern.

Noch mal blättert sie in der Mappe. Zuckt schließlich mit den Schultern. Tiefer Seufzer. Es ist eben immer dasselbe, wenn eine Redaktion nach Photos von John Casablancas fragt: Fehlanzeige. "Er haßt es, photographiert zu werden. Ich weiß nicht, er mag es einfach nicht."

Er mag es nicht? Die Episode ist einigermaßen bizarr für den Chef der erfolgreichsten Photomodell-Agentur der Welt. Schönheit en gros: Der Herr von "Elite Model Management", von 700 Models macht alljährlich achtzig Millionen Mark Umsatz damit, der ersten Garnitur der Mode- und Werbephotographen in aller Welt die bestaussehenden Frauen für die teuersten shots zu vermitteln. Er selbst aber fürchtet die Kamera, als wohne ihr ein böser Zauber inne, der ihm die Seele stehlen könnte.

In natura ist John Casablancas heute morgen so entspannt, daß solcher Aberglaube seine Stimmung nicht im entferntesten trüben kann. Jeans, nackte Füße in teuren Slippern, bequemes Hemd, nicht erkennbar maßgeschneidert. Auf dem Glastisch in seinem Appartement auf Manhattans Lower East Side stapeln sich die internationalen Bilderblätter. Vogue, Elle, Harper’s Bazaar und viele andere – sein Markt, sein Jagdrevier, sein Absatzgebiet. Frauen haben meistens keine Namen, wenn er blättert; Frauen haben ein Markenzeichen: "Die ist Elite ... und die ... und die." Meistens nennt er die teuersten seine. Paulina Porizkova zum Beispiel, die für (niemand weiß genau, wie viele) Millionen Dollar exklusiv für Estée Lauders Kosmetik-Produkte wirbt. Ja, genau dieselbe Paulina, die erst vor ein paar Jahren aus der ČSSR in Hamburg landete, als Modell arbeiten wollte und nicht genommen wurde, wegen ihrer schlechten Zähne und ihres Silberblicks. Aber Casablancas scouts – so nennen sich die Entdecker und Talentsucher der Branche – hatten eben genau den richtigen sense dafür, daß sie einschlagen würde. Und heute ist sie einer der Superstars von Elite, neben Cindy Crawford, Tatjana Patitz, Kim Alexis, Iman und all den Namenlosen, die erst noch so weit kommen wollen.

Daß er die Frauen liebe, sagt John den meisten Interviewern. Muß er ja, schließlich lebt er von und mit ihnen, und nicht schlecht. Sein Englisch hat mitunter noch die kehligen Laute und das Tempo seiner spanischen Muttersprache; und er mag es, bisweilen den Torero zu geben, der Journalistinnen das rote Tuch hinhält: "Ich bin ein männlicher Chauvinist. Ich glaube, daß Mann und Frau Spaß daran haben, ihre eigene Rolle zu spielen." Dabei beißt der 47jährige in seinen sparsam belegten Frühstückstoast und lächelt wie einer, der seiner Lehrerin eine Stinkbombe ins Pult gelegt hat.