Das Organisationskomitee hat sich mal wieder mächtig ins Zeug gelegt. So eine Rodelweltmeisterschaft, die wird im thüringischen Wintersportort Oberhof nicht bloß veranstaltet, die wird zelebriert. Prunkvoll, groß, mit allem, was dazugehört. Bevor die Rodler aus achtzehn Nationen am 21. Januar 1985 im "Kurort der Werktätigen" eintreffen, haben Schüler die Häuser geschmückt, in den Fenstern hängen Plakate, überall stehen Eisplastiken herum. Die Auslagen in den Schaufenstern sind prall gefüllt mit allem, was Volkseigene Betriebe zu bieten haben. In Oberhof im Bezirk Suhl geht es um mehr als Medaillen, nämlich um Frieden und Völkerfreundschaft Überall stehen rote Schrifttafeln und Transparente, die jeden Sportler zum Frieden aufrufen, und die DDR Olympiasiegerin Steffi Martin sagt artig in ihrem Gruß wort zur Eröffnung: "Im Sport steckt eine echte Friedensmission " Mindestens zwei Dutzend Offiziere in Zivil und eine Unzahl ihrer "Inoffiziellen Mitarbeiter", im Amtsjargon IM abgekürzt, erfüllen in diesen Tagen in Oberhof ebenfalls ihre Friedensmission. Sie sind rastlos darum bemüht, die brandneue "Dienstanweisung 185 zur politisch operativen Sicherung von Veranstaltungen" umzusetzen. In der verquasten Sprache des Staatssicherheitsdienstes (Stasi) bedeutet das: "politisch operative Einflußnahme auf die Zusammensetzung des Publikums, Steuerung des Kartenverkaufs", "operative Kontrolle der Bewegungen und Aktivitäten eingereister Personen aus dem Operationsgebiet", also dem Westen, schließlich "Aufklärung der Pläne, Absichten und Maßnahmen sowie Mittel und Methoden des Gegners".

Der Weltfrieden bleibt sicher. Der streng vertraulichen "Information 1185" der zuständigen Stasi Bezirksverwaltung Suhl kann der SED Bezirkschef Hans Albrecht entnehmen, daß "feindlich negative Aktivitäten nicht festzustellen" waren. Allerdings werden "durch namentlich bekannte weibliche Personen 27 Kontakte zu Weltmeisterschaftsteilnehmern aus der BRD, Österreich, Italien und Schweden aufgenommen". Die seien "weiter aufzuklären". Albrecht, im Südwestzipfel der Ost Republik als Parteichef bis zu seiner Verhaftung am 3. Dezember 1989 eine Art Feudalherr über eine halbe Million Untertanen, zeichnet — offenbar zufrieden — ab.

In derselben Woche aber passiert doch ein Malheur: Bei einem BiathlonWeltcuprennen können die wackeren Offiziere und ihre nebenberuflichen Assistenten nicht verhindern, daß "vier namentlich bekannte Personen aus Altendambach zur Unterstützung des BRD Aktiven Peter Angerer lautstarke Anfeuerungsrufe" ausstoßen. Angerer bemängelt — laut Stasi Bericht — sogar noch die Schneequalität: " durch Umweltbelastungen stark verschmutzt". Das dürfte Konsequenzen gehabt haben. Der SED Hardliner Albrecht malt mit blauer Tinte im Stasi Bericht herum und ordnet die Überprüfung der "Kontaktpolitik" an. Sportlernörgelei als Attacke auf den Sozialismus; Applaus für den falschen Athleten als staatsfeindliche Hetze; der Flirt am Eiskanal als nachrichtendienstliche Kontaktaufnahme - ein Staat im permanenten Ausnahmezustand. Tausende derart absurder und bedrückender Sicherheitsberichte, die vom Verfolgungswahn der machtbesessenen SED Greise zeugen, lagern in den Stasi Archiven, versiegelt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. 175 Tonnen Papier haben allein die 1754 Mitarbeiter und knapp 5000 Spitzel des Geheimapparats im kleinsten der DDR Bezirke, in Suhl, der Nachwelt hinterlassen.

Schon jene Aktenbündel aus der Suhler Außenstelle der Krakenbehörde, die dem örtlichen "Bürgeraktiv Staatssicherheit" bis heute vorenthalten wurden und nun der ZEIT vorliegen, lesen sich wie die Krankenblätter eines schizophrenen Gemeinwesens. Die Stasi heckte nicht nur immer absurdere Formen der täglichen Unterdrückung aus. Das papierne Vermächtnis der hypertrophen Spitzelbürokratie offenbart mehr und Schlimmeres: Die Beziehung zwischen Stasi und Volk war nicht schlicht eine Frage von Konfrontation oder Unterwerfung — hier die Schergen der Diktatur, dort das ohnmächtige, resignierte Volk. Am Arbeitsplatz, in den Betrieben wurde die "Firma" zugleich Inquisitor, Beichtvater und Organisator der sozialistischen Gesellschaft. Während aus den Betrieben Planerfüllung und Übersoll gemeldet wurden, bekam die Parteiführung via Stasi Bericht die. Wahrheit über den drohenden politischen und wirtschaftlichen Kollaps zu hören.

In ihrer Not pumpte die lethargische SED Führung den Geheimapparat zu einer omnipotenten Superbehörde auf, die, ohne zu zögern, eine titanische Aufgabe übernahm: Sie machte sich selbst daran, die Planwirtschaft zu steuern — der Geheimdienst als Sequester des siechen Systems. Schon die Lage der "Stasi Burg", einer wuchtigen, alten Fliegerschule, auf einem Hügel hoch über Suhl erübrigte die Frage nach den Machtverhältnissen in dem 53 000 Einwohner Städtchen. Hier war der Geheimdienst am Ende alles in einem und alles durcheinander: Bauaufsicht und Geheimdienst, Technischer Überwachungsverein und Ermittlungsbehörde der Staatsanwaltschaft, Meinungsforschungsinstitut und Unterdrückungsapparat, Unternehmensberatung und Polizei. Zu bewältigen waren alle Aufgaben mit den Mitteln der Konspiration, mit Informantentreffs im dunklen Tann des Thüringer Waldes selbst dann, wenn es bloß um die Gründe der "Havarie auf der Baustelle des Forellenerbrütungszentrums Trostadt" oder der "Schäden an Brücken und Schwellen der Deutschen Reichsbahn" ging.

Tage vor Weihnachten 1985 erreicht den regierenden Bezirksfürsten der SED, Albrecht, in seiner Parteizentrale an der Suhler Wilhelm Pieck Straße wieder mal eine Tartarenmeldung aus dem Wirtschaftsleben. Die Geheimen berichten schriftlich über ihre "Kontrollen zur vorbeugenden Verhinderung von Havarien und Störungen an Überwachungspflichtigen Kesselanlagen im Bezirk". Die konspirativ tätigen Allroundexperten haben sich 284 von 498 Kesselanlagen vorgenommen und den "sicherheitstechnischen Zustand", das "technologische Regime" sowie die "fachliche Eignung der eingesetzten Kesselwärter" überprüft.

Das Ergebnis ist niederschmetternd: 1645 Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften, gegen Bestimmungen des Arbeits, Brand- und Havarieschutzes. Elf Kombinate und 68 Volkseigene Betriebe sind betroffen, darunter einige Renommierbetriebe des Bezirks, etwa das VEB Kombinat Sportgeräte Schmalkalden und das Werk Meiningen des VEB Robotron Elektronik Zella Mehlis, aber auch die Nougat- und Marzipanfabrik Schmalkalden. Eine Analyse der "schwerwiegenden Mängel und Mißstände" liefert die Stasi gleich mit: Die "Kontrollpflicht der verantwortlichen Leiter" werde "ungenügend wahrgenommen".