Von Fredy Gsteiger

Die Ruhe zwischen Boden- und Genfer See ist gestört. "Der Souverän", wie in helvetischem Amtsdeutsch das Volk genannt wird, hat lange geschlafen. Jetzt ist er wach geworden. Seit Bruchstück um Bruchstück bekannt wird, wie die politische Polizei der Schweiz seit Jahrzehnten ihre Schutzbefohlenen observiert, registriert und archiviert, bröckelt, worauf sich der eidgenössische Bundesstaat bislang entscheidend stützte: das Vertrauen.

"Jetzt ist das ehedem buspere Mädchen Helvetia abgeschminkt", schreibt der Schriftsteller Gerold Späth in seinem Beitrag zum eilig auf den Markt gebrachten Buch über den Schweizer Schnüffelstaat. Die darin zusammengetragenen Fakten machen deutlich: Hinter der Maskerade der Schweizer Nationalfigur verbarg sich kein biederes, rotbackiges Heidigesicht, vielmehr eine Fratze, die häßlich anmutet, weil man sie gerade beim vermeintlichen Musterland nicht vermutet hätte.

Das Schnüffelstaatbuch gießt Öl ins Feuer; es provoziert, will provozieren. Bemerkenswert dabei ist einzig, daß diese Wirkung keineswegs durch polemische Texte erzielt wird, sondern gerade in der nüchternen Dokumentation gründet. Die Wirklichkeit ist empörender, als Phantasie sie ausmalen, als wortgewaltige Häme sie darstellen könnten.

Über 900 000 Personen, Organisationen und Ereignisse führen die Schweizer Staatsschützer Karteikarten. 113 000 Photos lagern in ihren Schubladen. Selbst Kinder sind verzeichnet. Hinter jeder Konsumgenossenschaft witterten die emsigen Schnüffler ein bolschewistisches Verschwörernest. Seit einem halben Jahr halten ständig neue Erkenntnisse über das Überwachungsunwesen die Schweizer in Atem.

Alles, was nicht helvetischer Norm entsprach, was vom Staatsverständnis ideologisch festgefahrener Verwaltungs- und Polizeikräfte abwich, fand Eingang in die Aktenschränke – mit vielfach unzumutbaren Folgen für die Opfer. Die politische Polizei verfügte mit Verve, aber oft erschreckendem Dilettantismus nicht bloß Delikte, sondern Gesinnungen, wie so manches Fallbeispiel zeigt. Die Sicherheitsparanoiker gebärdeten sich, als sei die Schweiz von innen und außen hochgradig gefährdet. Ausgerechnet die Alpenrepublik? Hier, wo der politische Konsens so groß ist, daß extreme Gruppierungen nie richtig Fuß zu fassen vermochten. Wo der Kommunismus zu keinem Zeitpunkt den Hauch einer Chance hatte. Wo die Vielschichtigkeit des gesellschaftlichen Gewebes, die Vielfalt im Kleinen eine breite Unterwanderung aussichtslos erscheinen lassen.

Im Ausland und Inland als Vorbild gepriesen wurde die Schweizer Basisdemokratie, welche den Bürgern die Möglichkeit einräumt, an der Urne alle Grundsatzentscheidungen zu treffen, und sämtliche vier großen Parteien unter dem Schlagwort "Zauberformel" auf den Regierungsbänken vereint. Und hoch angesehen war die eidgenössische Bürokratie, gründlich, effizient und kaum je mit dem Makel der Korruption zu behaften Zwischen diesen Eckpfeilern der Solidität spanne sich ein Netz des Vertrauens, das die darunterliegenden Sumpfe verdeckte und erst jetzt allmählich reißt. Das Schnüffelstaatbuch, vom im linken Lager breit abgestützten "Komitee Schluß mit dem Schnüffelstaat" herausgegeben, reißt kräftig mit.