Die Überraschung war groß. "Miete Grundstück allein 580 Mark", sagte mein Gegenüber mit einer Selbstverständlichkeit, als sei das schon immer so gewesen. Dabei hatte ich auf der dottergelben Goethestraße des Monopoly-Brettes seit Jahren immer 440 Mark Miete gezahlt. Das sollte sich geändert haben? Auf der Besitzrechtskarte, die mein Gegenspieler mir unter die Nase hielt, stand es tatsächlich: 580 Mark. Milde lächelnd forderte mein Gegenspieler sie ein – ganz den Regeln entsprechend.

Wir hatten uns ein neues Monopoly gekauft, weil das alte, zermürbt von den Schlachten um Häuser und Hotels, aus dem Leim gegangen war. Die Spielregeln waren irgendwann verschwunden und durch interne Vereinbarungen ersetzt worden, um deren Fehlerhaftigkeit wir wußten. Zumindest hatten wir eine dunkle Ahnung, daß nach den Regeln auch Gefängnisinsassen Miete kassieren durften. Bei uns gab es das nicht! Übeltäter, die hinter Gittern sitzen, sollten kein Geld einstreichen können. So lautete unsere Strafrechtsreform.

Die Gesetze der kapitalistischen Marktwirtschaft zwischen Badstraße und Schloßallee waren bei uns sozial abgefedert worden. Im "richtigen" Monopoly darf man bauen, sobald man einen Straßenzug hat. Bei uns wurde gewartet, bis alle Straßen verkauft waren, und dann so lange verhandelt, bis jeder Mitspieler eine Chance hatte, Häuser und Hotels zu bauen. Jetzt liegen die unbarmherzigen Regeln des Original-Monopoly wieder auf dem Tisch. Immerhin muß man anerkennen, daß durch den Kauf des neuen alten Gesellschaftsspiels die Wohnungsnot behoben ist. Die Holzhäuschen der Nachkriegsausgabe waren arg dezimiert worden, zwischen Sofakissen gerutscht, von Kleinkindern verschluckt oder vom Staubsauger gefressen. Nun gibt es wieder mehr Wohnungsbau auf dem Spielfeld, auch wenn das die Mieten in die Höhe treibt. Langsam dämmert es uns, daß das Gesellschaftsspiel auch ein Gesellschaftsspiegel ist: Mieterhöhungen und Rückbesinnung auf den richtigen Kapitalismus, ohne sozialen Touch. Sogar eine Währungsreform hat stattgefunden. Banknoten zu 10, 200 oder 400 Mark suchten wir vergeblich. Dafür sind jetzt Fünfziger und Fünfhunderter im Umlauf.

Beim Durchblättern der Ereigniskarten fanden wir noch weitere Veränderungen. "Betrunken im Dienst" ist heute kein Monopolist mehr, dafür erfährt er: "Du wurdest zum Vorstand gewählt". Die Aktienpakete der Monopolisten werfen neuerdings mehr ab. Die siebenprozentige Dividende, die auf Vorzugsaktien ausgezahlt wird, hat sich um 400 Mark erhöht. Teurer, so stellten wir fest, ist das Feiern der Geburtstage. Tausend, statt wie bisher 200 Mark, sind nun als Geschenk fällig. Ach ja, noch was: Blüms Gesundheitsreform wurde wirklich notwendig: Die Arztkosten in der Spielwelt des Monopoly haben sich verzehnfacht!

Stephan Hermsen