Wir hatten für die Party Bowlengläser gekauft. Sie sollten rasch abgewaschen werden, ehe die ersten Gäste eintrafen. Die Gäste kamen, aber die Gläser sahen scheußlich aus. Jedes war mit einem unabkratzbaren Firmenzeichen der Glasfabrik beklebt gewesen. Die Spüllauge konnte es nicht aufweichen. Mit Knibbeln ließ sich nur die oberste Schicht entfernen, der Rest, ein stumpfer, grauer Belag, war offenbar eine innige Verbindung mit dem Glas eingegangen; Benzin vermochte sie ebensowenig zu lösen wie Alkohol oder Terpentin.

Wer sein Auto beklebt, um anderen Leuten mitzuteilen, was er von Radfahrern oder von der Kernenergie hält – je nun. Aber Bowlengläser?

Klebelust verdrängt offenkundig die Ratio. Wie anders wäre zu erklären, daß wir ein Geschenkpäckchen erst verkleben, um es sodann mit einem bunten Bändchen zu verschnüren, daß manche Leute den Briefumschlag zusätzlich mit Klebeband verschließen, daß der Blumenhändler den Plastikballon luft- und duftdicht verkleistert? Du kaufst dir eine Uhr oder Pralinen und hättest die hübsche Schachtel gerne aufgehoben. Doch der Streifen, mit dem sie verklebt war, hinterließ eine häßliche Scharte.

Wer etwas zuklebt, denkt nicht an den, der es öffnen muß. Übrigens auch nicht an die Zukunft. Klebstoff altert nämlich. Die zusammengefügte Buchseite wird im Lauf der Zeit an der Reparaturstelle blind, gelb und schmutzig. Oder es hat sich unter dem Film eine unappetitliche Schmiere gebildet. Der Film haftet längst nicht mehr, dafür die Schmiere – an den Fingern.

Professionelle Packer haben Maschinen, die große Pakete mit einem Band umkleben, das fast jedem Werkzeug widersteht. Wem imponierte das nicht? Also besorgen auch wir uns das breite, hauchdünne, dennoch reißfeste, braune Band, dessen Anfang auf der Rolle nur mit Geduld und scharfen Fingernägeln zu erkratzen ist. Ohne Spezialgerät aber läßt sich das Material kaum beherrschen. Seine Tücke ist elektrostatischer Natur: Beim Abziehen von der Rolle lädt es sich auf und fühlt sich nun zu allem in seiner Umgebung hingezogen, zu Händen, Schere, Pullover und Bart. Dank der unbändigen Klebkraft backt das Band bei der geringsten Berührung unlösbar fest. Ergebnis: ein klebriges Knäuel aus Band, Papier, Werkzeug und Körperteilen – kein Paket.

Klebstoffe kennen kein Mittelmaß. Der eine ist zu kräftig, der andere zu schwach. Selbsthaftende Etiketten haben beide Eigenschaften. Von Hartplastik oder Glas sind sie nie wieder zu entfernen, auf Kanon oder Gefäßen aus Weichplastik hingegen tun sie zwar so, als würden sie haften. Doch nach einer Weile fallen sie ab wie Blätter im Herbst. Sogar die Briefmarke, Urmutter aller Aufkleber, macht neuerdings Probleme. Das liegt am Material der Postumschläge, vorzugsweise der hellbraunen, gepolsterten. Die Marke rutscht ab, als hätte sie jemand zuvor mit Seife bestrichen.

Genervt nehmen wir solche Unzulänglichkeiten hin. Eine Beschwerde würde doch nichts nützen. Falsch! Kämpferische Mütter haben das Gegenteil bewiesen. Den Anlaß gaben Wegwerfwindeln. Diese papierne Baby-Unterbekleidung wird mit einem Klebeband geschlossen. just das aber funktionierte nicht. Schon nach kurzer Lagerung der Windeln im Laden hatten die Streifen ihre Klebkraft eingebüßt. Kaum war das Baby frisch gewickelt, knackte es in der molligen Behosung. Das Klebeband gab nach, und die Dichtung, Hauptzweck des Ganzen, war nicht mehr vorhanden. Darob höchst aufgebrachte Mütter protestierten – und hatten Erfolg. Eilends sah sich die Windelfabrik nach einem Lieferanten für bessere Klebestreifen um. Die Babys sind wieder dicht. Reklamieren lohnt sich also.