Von Bernd C. Hesslein

HAMBURG. – Wenn Kriege verlorengehen, dann werden Soldaten nicht mehr gebraucht. Sie werden entlassen, davongejagt und beschimpft. Eine schmerzhafte, traumatische Erfahrung, die bei den Betroffenen mehr Aversionen als Einsichten hinterläßt. Gerade die deutschen Militärmemoiren nach dem Zweiten Weltkrieg sind davon geprägt.

Doch dieser Zustand hat nirgendwo lange gedauert. Weder Revolution noch bedingungslose Kapitulation haben je den Soldaten, gar seinen Beruf, dauerhaft beeinträchtigt. Er wurde stets wieder gebraucht, egal welche Regierungsform, weil eben die Macht, auch die legale Macht, im Zweifel aus den Gewehrläufen kommt. Nach außen wie auch nach innen. Mal in der martialischen Form der Militärparade, mal in der abstrakten Abschreckungsphilosophie, hin und wieder auch gegen das eigene Volk. Versagt hat sich der Soldat noch keinem System, keiner Strategie, keinem Auftrag. Das Königsprivileg scheint auch für ihn zu gelten: A solcher can do no wrong.

Deutsche Soldaten in diesem Jahrhundert haben das auf besonders einprägsame Weise demonstriert. Als der Kaiser ging, blieben die Generale, schützten ein bißchen die neu entstandene Republik von Weimar, aber putschten auch ein wenig gegen sie, ließen sich von ihr hofieren, doch blieben außerhalb der Gesellschaft ein Staat im Staat.

Der Fahnen- und Eideswechsel zum Dritten Reich bereitete keine soldatischen Probleme. Auch nicht, als die braunen Machthaber die Generale Kurt von Bredow und Kurt von Schleicher ermordeten und mit der Diffamierung des Heeresoberbefehlshabers Werner von Fritsch Ehre und Kameradschaft der Wehrmacht zur Farce machten.

Und als schließlich die junge Bundesrepublik Deutschland für ihre Westpolitik und für den Kalten Krieg eine Armee brauchte, da waren die alten Soldaten, die doch gerade einen schmählichen Krieg geführt und verloren hatten, schnell bereit, auch diesem Staat "treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen". Allerdings dieses Mal mit einer kleinen Bedingung, einer pauschalen Ehrenerklärung für ihre Rolle bei den Eroberungs- und Vernichtungsfeldzügen, die sie für "einen namenlosen Gefreiten des Ersten Weltkrieges" geführt hatten. Eine kleine Erpressung, der Konrad Adenauer und Dwight D. Eisenhower ohne Aufsehen nachgaben.

Nicht viel anders jenseits der Zonengrenze, im zweiten deutschen Staat, der im Gegenzug entstand und ebenfalls aufrüstete. Auch hier waren Soldaten aus drei deutschen Epochen – aus kaiserlicher Armee, Reichswehr und Wehrmacht – am Werk, tüchtig und effizient hüben wie drüben. Bundeswehr und Nationale Volksarmee, so die verdrängte Wahrheit, wurden von der gleichen deutschen Soldatengeneration gegründet, sind Fleisch vom gleichen Fleische.