Die Skandinavier sorgen sich wegen der EG-Integration um ihr Modell des Wohlfahrtsstaats

Von Wolfgang Zank

Uffe Ellemann-Jensen, Dänemarks unkonventioneller Außenminister, gab in einem Zeitungsartikel den nördlichen Nachbarländern einen guten Rat: "Ich bin der Meinung, daß der ganze Norden es wie Dänemark machen sollte." Mit anderen Worten: Norwegen, Finnland und Schweden sollten die Aufnahme in der Europäischen Gemeinschaft beantragen. Von dort kam rasch der Bescheid, Ellemann-Jensen solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern; der Artikel war jedoch immerhin ein Symptom für die Intensität, mit der das Thema Europa im Norden wieder diskutiert wird.

Formelle Aufnahmeanträge sind in naher Zukunft nicht zu erwarten, aber im Juni beginnen die Verhandlungen zwischen der EG und der Europäischen Freihandelsorganisation (Efta), der außer den nordischen Ländern noch Österreich und die Schweiz angehören. Dabei geht es um den Aufbau eines gemeinsamen "Europäischen Wirtschaftsraumes", der EG und Efta umfassen soll. Auf praktischer Ebene ist die Integration bereits weit fortgeschritten; sie zwingt die nordischen Länder schon heute zu tiefgreifenden Änderungen ihres Gesellschaftsgefüges. Und spätestens bis zum Jahre 2000 erwarten viele Beobachter, daß Schweden und Norwegen auch formelle Aufnahmeanträge in Brüssel stellen werden.

Auf den ersten Blick sind die nordischen Länder beinahe ideale EG-Aspiranten. Ihre Wirtschaftskraft ist sehr hoch: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung liegt, wenn die Verzerrungen des hohen nordischen Preisniveaus herausgerechnet werden, in Norwegen knapp über dem bundesdeutschen Wert, in Finnland und Dänemark knapp darunter und in Schweden etwa auf gleicher Höhe. Außerdem verfügen alle Länder über stabile demokratische und rechtsstaatliche Traditionen. Zum dritten ist ihre Wirtschaft seit Generationen auf Freihandel eingestellt. Viertens verfügen die Skandinavier bereits über vielfältige Integrationserfahrungen; sie haben ein dichtes Netz gemeinsamer Institutionen aufgebaut, vom Nordischen Ausschuß für Alkohol- und Drogenforschung über das Organ für nordische Stromzusammenarbeit bis hin zum Nordischen Entwicklungsfond. Schon seit den fünfziger Jahren gibt es den freien nordischen Arbeitsmarkt und die nordische Paßunion. Unbehindert von Paßkontrollen kann man im dänischen Helsingør die Fähre besteigen und im schwedischen Helsingborg wieder an Land gehen.

Barrieren abräumen

Trotz aller Weltoffenheit konnte aber der Gedanke der europäischen Einigung dort kaum Fuß fassen. Seit den Napoleonischen Kriegen hielten sich die Skandinavier aus den europäischen Verwicklungen nach Möglichkeit heraus. Die deutsche Besetzung der Jahre 1940 bis 1945 zerstörte in Dänemark und Norwegen den Glauben an eine Neutralitätspolitik und machte beide Länder zu Gründungsmitgliedern der Nato, aber von der Europa-Euphorie der vierziger und fünfziger Jahre war auch hier wenig zu spüren.