Von Matthias Naß

Das Revolutionsjahr 1989, in dem sich die Völker Ost- und Mitteleuropas die Freiheit erkämpften, hat ein düsteres Wort hinterlassen: die "chinesische Lösung". Es erinnert daran, daß alles auch ganz anders hätte kommen können. Deng Xiaoping exekutierte die chinesische Lösung kalten Blutes am 4. Juni 1989 in Peking. In Leipzig und in Bukarest hätten Erich Honecker und Nicolae Ceauşescu gewiß nicht gezögert, seinem Beispiel zu folgen, wenn sie noch über die Gewehre hätten gebieten können.

Ceauşescu ist tot, Honecker hat Aufnahme in einem sowjetischen Lazarett gefunden. Deng aber empfängt noch immer Staatsgäste in der Großen Halle des Volkes. Die kommunistische Herrschaft über den Osten Europas ist zerbrochen, in China befehlen weiter die roten Mandarine. Wie lange noch? Jedesmal, wenn sie den "großen historischen Sieg" über den "konterrevolutionären Putsch" feiern, reißt die Kluft zwischen ihnen und dem Volk ein Stück weiter auf.

Nach dem Panzereinsatz haben die Pekinger Machthaber zur Lüge gegriffen, und niemand hat ihnen geglaubt. Bis heute weigern sie sich, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens auch nur eine "Tragödie" zu nennen. Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Jiang Zemin, tat in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender ABC die Frage nach dem Blutbad kühl mit den Worten ab: "Viel Lärm um nichts."

Um nichts? Ein Kampf um Leben und Tod sei zu bestehen gewesen, hat die Parteiführung selbst das von ihr angeordnete Blutbad gerechtfertigt. Um nichts anderes sei es den "feindlichen Kräften" gegangen, sagte Ministerpräsident Li Peng erst im März vor dem Volkskongreß, als "die Führung der KP Chinas zu beseitigen, das sozialistische System zu stürzen und damit China in eine bürgerliche Republik und einen Vasallen der entwickelten kapitalistischen Staaten umzuwandeln".

Die Welt erinnert sich anders. Chinas Studenten planten keinen Staatsstreich. Nicht den Sozialismus attackierten sie, sondern den "Feudalismus" einer korrupten Politkaste. Binnen Wochen wurde aus ihrem Protest eine friedliche Volkserhebung, auf deren Höhepunkt fast zwei Millionen Pekinger Bürger auf den Straßen der Hauptstadt nach Demokratie und Freiheit riefen. Bis zum letzten Tag blieben die Demonstrationen gewaltlos. Dann schlug die Staatsmacht zu.

China habe die "Feuerprobe" bestanden, stellt die Führung nun befriedigt fest – anders als die laschen Genossen in Osteuropa. Laut Politbüromitglied Yao Yilin sitzen "die einzigen wahren Marxisten" heute in Peking. Michail Gorbatschow werfen die chinesischen Hardliner Kapitulantentum und Verrat am Sozialismus vor. Hart grenzen sie sich von dem Reformer im Kreml ab. Man dürfe "Flußwasser nicht mit Brunnenwasser vermischen", erklärte Deng Xiaoping in einer internen Rede: "Die haben ihre Farbe gewechselt und sind revisionistisch geworden."