Das Dorf war auch in der "guten alten Zeit" für seine Bewohner keine Idylle

Von Volker Ullrich

In der Perspektive des asphaltmüden Bürgers im ausgehenden 19. Jahrhundert erschien das Dorf als glückliche Gegenwelt zum hektischen Großstadtgetriebe, als Refugium einer harmonischen, konfliktfreien Gesellschaft. Kritik an den Folgen von Industrialisierung und Verstädterung verband sich mit einer Bewegung der Agrarromantik, die das "einfache Landleben" pries und im "fröhlichen Landmann" das Sinnbild von Natürlichkeit und ursprünglicher Kraft erblickte.

Wie wenig dieses idealisierte Bild mit der Wirklichkeit zu tun hatte, zeigt die an der Technischen Universität Berlin lehrende Historikerin Regina Schulte in ihrer Untersuchung über die dörfliche Gesellschaft Oberbayerns in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Studie konzentriert sich auf drei Bereiche, in denen sich die Spannungs- und Konfliktlinien der dörflichen Gesellschaft besonders deutlich nachzeichnen lassen: Brandstiftung, Kindsmord und Wilderei. Dabei geht es der Autorin nicht um die kriminellen Delikte als solche, sondern um das, was ihnen an sozialer Erfahrung und Konflikthaftigkeit vorgelagert war.

Das wiederum bedeutet, daß sie die Kriminalakten der Schwurgerichte, auf die sie sich in erster Linie stützt, gleichsam gegen den Strich lesen und interpretieren muß, um ihnen das abzulauschen, was dem Verständnishorizont und den Interpretationskünsten bürgerlicher Richter weitgehend verborgen blieb: die soziale Sprache der Dorfgesellschaft selbst, ihre ungeschriebenen Regeln und symbolischen Bedeutungen. Bei dieser schwierigen Entzifferungsarbeit bedient sie sich eines gemischten Fragensets aus historischer Anthropologie, Ethnologie und Psychoanalyse – wie man sieht, ein ambitioniertes Unternehmen, mit dem die Verfasserin der Agrarforschung hierzulande in mancher Beziehung neue Wege weist.

"Feuer im Dorf" – dieser Schreckruf signalisierte eine der häufigsten Erschütterungen des dörflichen Alltags im 19. Jahrhundert. Die Ursache war in der Regel nicht Blitzeinschlag, sondern Brandstiftung, und zwar dort, wo die Flammen besonders günstige Nahrung fanden: an dem mit Heu und Stroh gefüllten Stadel. Von da konnte das Feuer rasch auf die anderen Gebäude übergreifen und zu einer Vernichtung des gesamten Anwesens fuhren. So verschieden die Anlasse für Brandstiftung waren, das ihnen zugrundeliegende Motiv war fast immer das gleiche: Es sollte Rache genommen werden für erlittene Unbill oder Krankung. Ein Knecht war über die vorzeitige Dienstentlassung wütend; ein anderer fühlte sich vom Bauern um den gerechten Lohn für erbrachte Dienste geprellt. Ein nachgeborener Sohn konnte es nicht verwinden, daß der ältere Bruder den Hof erbte, oder, was auch vorkam, der erbberechtigte Sohn zündete selbst das Anwesen an aus Verzweiflung darüber, daß die Eltern die Hofübergabe allzu lange hinauszögerten.

In allen Fällen handelte es sich bei der Brandstiftung also um eine archaische Form der Konfliktlösung. Sie diente der Befriedigung eines Rachebedürfnisses. Für den Brandstifter selbst brachte sie emotionale Entlastung; die Dorfgesellschaft aber traf sie an ihrem verwundbarsten Punkt – dem Hof als Grundlage der bäuerlichen Ökonomie. Daraus erklärt Regina Schulte auch, daß Brandstifter nicht mit der Solidarität der Dorfgemeinschaft rechnen konnten, sondern, sobald man ihrer habhaft geworden war, den Gerichten überantwortet wurden.