Von Gerd Bucerius

Gerd Bucerius war unter den fünfzehn Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die auf Einladung des State Departments fünf Wochen hindurch Amerika bereisten.

Unwillkürlich kam uns nach der Landung unseres Flugzeuges in Washington vergleichsweise aus der Erinnerung die Idee, daß der einst gesehene Film "Metropolis" ein schlechter Pappscherz sei gegen dies lebendige Bild des gigantischen Amerika. Und die Amerikaner – oft kindlich stolz über unsere Verblüffung – wollten uns etwas wahrhaft Großes sehen lassen und führten uns ins Tennessee-Tal, wo ungeheuerliche Staudämme eine Landschaft wieder fruchtbar machen, die einst durch bedenkenlose Vernachlässigung der Natur in eine Wüstenei entartet war. Aber dann, in Knoxville, dem Zentrum des Tennessee-Valley, mitten auf einer Straßenkreuzung, hatten wir einen Anblick, der mich mehr beeindruckte als alles, was ich bis dahin in Amerika gesehen. Zwei Inschriften ... Die erste lautete recht vertraut: "Gib acht auf die Verkehrsampel!", die zweite aber verkündete: "Besteh’ nicht auf deinem Recht!" Diese Parenthese ist, so meine ich, die Leistung des amerikanischen Volkes.

Wir haben vieles in Amerika gesehen; nichts wurde uns vorenthalten von dem, was wir sehen wollten. Ich hätte gern die Innenseite eines amerikanischen Sargdeckels gesehen. Bin ich doch überzeugt, daß da eine Inschrift steht: "Du wirst gleich vor Gottes Angesicht erscheinen. Sei höflich, benimm dich anständig, laß ihn zuerst reden!" Kein Zweifel, nicht nur die Verantwortlichen, auch das Volk selbst ist überzeugt, daß jeder einzelne dieser 150 Millionen Menschen die Aufgabe habe, den Nächsten zu erziehen wie sich selbst, und daß jeder ständig daran arbeiten müsse, ein besserer Mensch zu werden, das heißt: ein besserer Amerikaner. Es sind die alten, in Europa längst nicht mehr von allen geglaubten Grundsätze Rousseaus, die hier am Werke sind, frisch wie am ersten Tag. In Amerika lebt heute ein Volk, das zusammenhält im Gefühl einer besseren, einer demokratischen, einer – amerikanischen Moral, deren erstes Prinzip in der Erkenntnis besteht, daß es nötig ist, jedem Menschen eine Chance zu geben, dies womöglich sogar, ehe man selbst eine hat. Recht heißt vornehmlich das Recht des anderen, Freiheit heißt zunächst die Freiheit des anderen.

Dieser so erzogene und geformte Amerikaner legt gegenüber jedem "Würdenträger" und vor allem gegenüber jeder Behörde eine Unbefangenheit und Freiheit an den Tag, die schlechthin großartig sind. Er ist bereit zu kritisieren, weil er jederzeit zur Mitarbeit bereit ist. Es ist die Haltung eines Menschen, der in allen alltäglichen Maßnahmen der Politik, aber vorab in den politischen Parteien nichts sieht als ein Mittel zur Herbeiführung vernünftiger Lebensformen.

Als 1930 die ganze Welt an der Wirtschaftskrise krankte, waren die Deutschen geneigt, sich entweder dem Kommunismus in die Arme zu werfen oder aber dem Nationalsozialismus, der schließlich dann auch siegte. Amerika indessen ... Die Krise war dort nicht weniger schlimm, der Lebensstandard kaum höher, und Arbeitslosenunterstützung gab es nicht. Dennoch wurde niemand hysterisch, niemand rebellisch. Roosevelt schuf den Plan des New Deal, er hatte erkannt, daß die Sicherheit für die breiten Massen nötig sei; dies hat zur Vorherrschaft des Arbeiters geführt: ein Ergebnis jener Krise, die sich in Ruhe, in verfassungsmäßiger Ruhe, vollzog und sachlich gemeistert wurde.

Wir haben die Arbeiter, diese "Lohnsklaven des kapitalistischen System" gesehen, wie sie freitags in New York nach dem Schluß der Arbeitszeit aus den U-Bahnen kamen. Gut angezogen und gepflegt, gentlemen durch und durch, traten sie das Wochenende an, das auch den freien Sonnabend zum Sonntag macht. Wir haben diese Arbeiter in ihren Werken gesehen, und die Sozialisten unter uns waren begierig zu hören, wie sie über die "Seelenlosigkeit ihre Arbeit" dächten. Es dauerte zehn Minuten, ehe sie die Frage überhaupt der Wortbedeutung nach verstanden. Daß sie auch dann noch den Sinn der Frage verfehlten, ging aus ihrer Antwort hervor: "Gewiß, man könnte ja das Fließband gelegentlich noch etwas langsamer stellen..."