Beim DGB sind die Stellvertreter wichtiger als der neue Chef

Von Erika Martens

Heinz-Werner Meyer ist sichtlich erleichtert. Gerade hat er den 14. ordentlichen Bundeskongreß des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) offiziell beendet. Jetzt muß der neue DGB-Chef nur noch ein paar Interviews geben, Hände schütteln und gute Wünsche entgegennehmen. Und diesmal gibt es sogar Lob. Auf dem Weg in sein Kongreßbüro hört er viele anerkennende Worte über seine Abschlußrede. "Sehen Sie, wie schnell ich noch lernen kann", er sagt es spöttisch, aber auch stolz.

Mit Lob ist Meyer im übrigen nicht verwöhnt worden. Zwei Tage zuvor, mit seinem Grundsatzreferat nach der nicht gerade glänzenden Wahl (nur 64 Prozent der Stimmen) hatte er die Vorbehalte noch verstärkt, ob er der richtige Mann für diesen schwierigen Posten in einer schwierigen Zeit sei.

Allgemeinplätze und Leerformeln

"Mehr Kürze und mehr Würze" wünschte sich die Delegierte Ursula Girmond von der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen und sprach den meisten Delegierten aus dem Herzen. Zu viele Allgemeinplätze, zu viele Leerformeln auf mehr als siebzig Manuskriptseiten; von politischer Programmatik, Aufbruchstimmung oder Neuanfang dagegen keine Spur, lautet das Fazit. Die Enttäuschung über den offensichtlichen Mangel an Perspektiven war umso größer, als Meyer den Delegierten noch Minuten vor der Wahl versprochen hatte, die Fragen nach seinen Zukunftsvisionen in diesem Referat zu beantworten. Schroff und arrogant hatte er die Versammlung abgekanzelt, als ein Kollege es wagte, Konzepte und Perspektiven für die nächsten vier Jahre einzufordern. Nur eiserne Disziplin der Delegierten verhalf ihm nach dieser peinlichen Szene noch in den Sessel des DGB-Vorsitzenden.

"Ich mache nicht immer alles richtig", gibt Meyer zu. Doch zugleich betont er seinen Standpunkt, daß er nicht mit einem fertigen Konzept antreten wolle. "Wir sind doch eine demokratische Organisation, da kann doch nicht alles von mir allein kommen." Und es schwingt ein wenig Selbstironie mit, wenn er sagt, "ich bin einer, der von sich selbst glaubt, daß er sogar Ideen hat." Vornehmlich aber sieht er seine künftige Rolle als Moderator. Dabei ist er fest davon überzeugt, daß "wir mehr zustande bringen können, als man uns derzeit in der Öffentlichkeit zutraut".