Es gibt Ereignisse, die auf eine so simple und direkte Weise Emotionen ausdrücken, daß ein Telegramm der Nachrichtenagentur Associated Press oder ein Photo im Life-Magazin vollauf genügen; ein poetischer Kommentar erübrigt sich." Dieses wohl einzige Kompliment eines Dichters für Nachrichtenticker und Photoreporter stammt von W.H. Auden, und es ist durchaus möglich, daß er dabei ein Photo von Margaret Bourke-White vor Augen gehabt hat.

Sie war einer der ersten Medienstars in Amerika, in der männlich dominierten Welt der Photographen und des Journalismus. Ihr flottes Portrait in Fliegermontur während eines Bombereinsatzes, die Kamera lächelnd in der linken Hand, machte sie zu einer Art Pin-up-Girl der Truppen. Ein schwerer Irrtum. Denn Margaret Bourke-White war eine besessene Journalistin. Vielleicht die erste dieses Jahrhunderts. Das Titelphoto der allerersten Life-Ausgabe vom November 1936 stammte von ihr, und der Einfachheit halber hatte sie auch gleich die Geschichte dazu aufgeschrieben. Obgleich sie die schnellen Kameras verachtete und lieber ihre altmodischen Plattenkameras mit Stativen und komplizierten Blitzlichtern herumschleppte, verstand sie es, den Eindruck von spontanen Momentaufnahmen zu wecken.

Im April 1945 reist sie durch Deutschland und dokumentiert das Unfaßbare; Trümmer, zerstörte Städte, die leeren Gesichter der Besiegten. Oft wählt sie die Perspektive einer simplen Draufsicht, und es scheint zufällig, daß diese archaischen Landschaften aus halben Hauswänden, Schutt und Schornsteinen einen Bildrand haben und sich nicht ins Unendliche ausbreiten. Bourke-White ist fassungslos über die Apathie der Deutschen. "Wir haben nichts gewußt. Wir mußten doch gehorchen." Ihre Photos entlarven Heuchler; beispielsweise jenes von einer massigen Gestalt inmitten Kölner Eisen- und Brückenreste: "Ein Nazi-Bankier taxierte die Konkursmasse."

Vielfach stieß ihre Art auf Kritik, die Schatten der Gesellschaft grell ins Licht zu rücken. Sie hielt drauf – auf die Armen in Mississippi, auf Kriegsopfer in Korea, auf die verkohlten Leichen in den Lagern von Buchenwald und Erla, das sie als erste mit amerikanischen Journalisten betrat, noch bevor es die Armee entdeckte. Das Hinsehen und das Wegsehen hielt sie fest und belegte das gespenstische Ende von Städten, Menschen und der kollektiven Moral gleichermaßen. Für Nachgeborene eine Lektion so dicht und eindringlich, daß sie uns im Traum verfolgt.

In ihrem Bericht aus dem Totenland, der unter dem Titel "Dear Fatherland, rest quietly" 1946 in den USA ein Bestseller und erst über dreißig Jahre später auf deutsch veröffentlicht wurde, zieht sie allerdings auch gleich eine pessimistische Bilanz für Amerika: "Wir haben Deutschland nicht die Demokratie gebracht, obwohl wir viel davon geredet haben." Aber auch: "Ich glaube nicht, daß der Faschismus in Europa an die Macht gekommen wäre, wenn es eine wirklich freie Presse gegeben hätte, durch die sich die Masse der Menschen hätte informieren können..."

Eher unbekannte M.-B.-W.-Arbeiten zeigt jetzt eine Wanderausstellung des International Center of Photography (New York). Nach Stationen in London, Paris und Mailand ist sie nun im Münchner Stadtmuseum zu sehen. Aufnahmen einer Reise in die Sowjetunion zu Beginn der dreißiger Jahre und ihre Beispiele für die "Schönheit der Maschinen" belegen, daß sie jenseits jeglicher Sensation auch ein Gespür für die inszenierte Feierlichkeit des unbelebten Objekts besaß.

(Münchner Stadtmuseum bis 24. Juni. Der Katalog kostet 30 Mark.) AvM