Von Willi Jasper

Spatestens seit der Meldung der Bild-Zeitung, daß "Juden in aller Welt" mit Investitionsplänen für die DDR die "Wiedervereinigung bremsen" wollten, ist deutlich, daß antisemitische Stereotypen wieder Bestandteil der deutschen Politik- und Medienöffentlichkeit sind. Überraschen kann das nur den, der soziologische Studien nicht zur Kenntnis genommen hat, die bereits vor Jahren ermittelten, daß "ein Bevölkerungsanteil von etwa zwanzig Prozent mit ausgeprägt antisemitischen Vorurteilen lebt und daß bei weiteren dreißig Prozent Antisemitismus in Latenz vorhanden ist" (Alphons Silbermann).

Offensichtlich bedarf der hiesige Antisemitismus nicht der realen Erscheinung der Juden und des Judentums, um sich zu artikulieren. Antisemitische Strukturen wirken von Generation zu Generation im Unterbewußtsein weiter, um durch aktuelle Ereignisse immer wieder neu zum Leben erweckt zu werden. Obwohl das Problem seit langem Gegenstand zahlreicher historischer, soziologischer und psychologischer Forschungen ist, gibt es immer noch keine schlussige Antwort. Eine der bestfundierten Analysen der Vorgeschichte des modernen Antisemitismus (Jacob Katz: "Vom Vorurteil bis zur Vernichtung"), belegt, daß "die Feindseligkeit gegenüber Juden gerade zu dem Zeitpunkt zunahm, als man – nach der Aufklärung und infolge der Durchsetzung moderner Rationalität – hätte annehmen können, daß sie verschwände". Mit der aktuellen Frage, ob der moderne Antisemitismus in Deutschland vor allem als eine Krisenerscheinung der bürgerlichen Gesellschaft gewertet werden muß, beschäftigen sich auch gemeinsam Historiker, Soziologen und Kulturwissenschaftler aus Israel, den USA und der Bundesrepublik (Nachum T. Gidal, Walter Grab, Jost Hermand, Julius H. Schoeps, Alphons Silbermann, Nicolaus Sombart, Ludger Heid und andere) in einem Essayband:

Fast alle Essays setzen sich mit dem Selbstverständnis judischer Intellektueller in Deutschland auseinander, mit den Fragen: Warum hat die deutsche Öffentlichkeit das Bemühen der jüdischen Philosophen, Schriftsteller, Künstler, Journalisten, Theatermenschen um Akkulturation und Assimilation nicht akzeptiert? Hatte der Eintritt der Juden in die bürgerliche Gesellschaft zwangsläufig eine Politik der Ausgrenzung zur Folge?

Eine prononcierte These lautet, die Deutschen hätten das "generöse" Bündnisangebot der Juden an der Schwelle zur Moderne "schnöde" ausgeschlagen. Man habe lieber eine Lösung im Rückgriff auf Überholtes ohne den Willen zur Emanzipation und Revolution angestrebt. Mit Bismarcks autoritärem Nationalstaat seien die Deutschen aus der "Menschheitsbewegung", zu deren Avantgarde sie einmal gehört hätten, ausgeschert und hätten sich auf ihren fatalen Sonderweg begeben. Auschwitz sei "die logische Konsequenz der anti-universalistischen, anti-aufklärerischen, anti-emanzipatorischen Option der Deutschen. Es war die späte, letzte, radikale Antwort auf die Herausforderung durch die Französische Revolution."

Ein Vorteil solcher ideengeschichtlicher Betrachtungen ist, daß sie durch Verkürzung und Idealisierung in der Lage sind, übergreifende Verbindungslinien zu konstruieren. Die These, der deutsche Antisemitismus sei vor allem eine Frage des Versagens auf dem emanzipatorischen Wege, ist verführerisch und spekulativ zugleich. Andere Autoren erheben zu Recht Einspruch gegen eine rein geschichtsphilosophische Erklärung des Holocaust. Notwendig sei vielmehr eine historische Erklärung, eine "Analyse sozialer Zwänge". Es sei falsch, die Deutschen und die Juden idealtypisch gegenüberzustellen, schließlich unterlagen beide in proportionalem Verhältnis gleichermaßen dem "militärisch-industriellen Komplex" des Kaiserreichs.

In den Jahren der Weimarer Republik waren die deutschen Juden zum ersten Mal vor dem Gesetz völlig gleichberechtigt. Viele traten in Kultur, Wirtschaft und Politik ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Die emanzipatorischen Impulse kamen von deutsch-jüdischen Intellektuellen. Die Bilanz ist eindrucksvoll und bekannt. Das Entscheidende aber war, wie Arnold Zweig es ausdrückte, der "Anteil der Juden an der Gesittung des deutschen Volkes und Staates".