Fünftens sind die meisten von uns Kritiker geworden, weil wir so werden wollten wie er. Nämlich: der Größte. Und zwar mit Geburtstagsparty im Südwestfunk und Ehrenparade im ZDF. Wie wer? Na M. R.-R., Marcel Reich-Ranicki, Quartettkönig und literaturpäpstlicher Jubilar. Und weil Reich-Ranicki am 2. Juni siebzig Jahre alt wird, hat das Fernsehen ... was, das haben Sie nicht gesehen? Da ist Ihnen ja, welche Schande, ein sozusagen gleichsam ästhetisches Ereignis entgangen geblieben! Nämlich: das Letzte.

Wir übergehen den Montagabend im ZDF, diese verspätete Karnevalssitzung der prominentesten Schreibtisch- und Ohrensesselgiganten, und freuen uns nur ganz im stillen auf Beate Pinkerneils 70. Geburtstag. Dafür verweilen wir aber ein ganzes Weilchen im "Parkhotel Brenner" zu Baden-Baden, wo die Geburtstagsparty des SWF tobt. Und treibt und lobt. Einen der vielen Lobsuchtsanfälle dieses Abends erleidet gerade eben Herr Gero von Boehm, weil doch der Koeppen einmal geschrieben hat: "Er schreibt über mich, also bin ich", und das muß man doch einfach mal... "Frau Reich-Ranicki, in welcher Lage liest Ihr Mann?" Na sitzend natürlich, mit Hemd und Krawatte am Arbeitstisch, was dachten Sie denn? Und flirten kann er, danke Frau Koelbl, daß Sie das nach siebzig Jahren erstmals, nein hier ist nichts arrangiert, Herr Ledig-Rowohlt, und jetzt singt die "international bekannte" Madame Diane Dufresne (D.O.C.) "Parlezmoi-d’amour", ei, wie das perlt! Draußen aber, hoch überm finstren Tann, trägt Herr Helmut Lohner den Prinzen von Homburg vor – "eine wundervolle Sprache, Herr Wapnewski!?" – "Wahrlich." Und Sie sagen, das stimme Sie nachdenklich, Herr Ledig-Rowohlt? Doch da plinkert schon unter dem güldenen Lüster Freund Wagners Tristanliebestod hervor, "Musik bedeutet Ihnen doch sehr viel, Herr Reich-Ranicki", gell!, aber wir wollen doch das Fachsimpeln mit Herrn Kaiser nicht übertreiben, "sonst verstehen uns die Menschen nicht mehr", und so bleibt es beim herrrlich! herrrlich! Derweil liest Herr Lohner seine Couplets vom Blatt ab, aber der Jubilar hat es nicht bemerkt, wunderbar Herr Lohner, wie Sie das wieder mal... aber da fällt Prof. Wapnewski – oder sind Sie es wieder, Herr Ledig-Rowohlt? – ein: "der Euripides schon, aber der Aischylos nicht", nein, der Aischylos hat sein Vaterland nicht kritisiert, aber der Schiller und der Lessing... und dann ist sie zu Ende: die längste Stunde der jüngeren Fernsehgeschichte.

Ja, so muß Kulturfernsehen sein! Nur für den Jubilar haben wir uns ein bißchen geschämt. Das Letzte hat er, der Größte, doch nicht nötig. Wir gratulieren! Finis