Von Udo Perina

Vier Monate lang beflügelten die Umwälzungen in der DDR die Phantasie der Geldanleger aus dem In- und Ausland. Die Aussichten auf neue Investitions- und Absatzchancen für die Industrie der Bundesrepublik führten an den deutschen Börsen zu Kurssteigerungen um durchschnittlich mehr als 35 Prozent. Doch jetzt, da die Vereinigung Deutschlands immer konkretere Formen annimmt, ist die Begeisterung einer vorsichtigen Zurückhaltung gewichen. Seit ihrem Höchststand Mitte März sind die Kurse deutscher Aktien schon fast auf das Niveau vom Jahresbeginn gesunken. Weder ausgezeichnete Konjunkturdaten noch glänzende Unternehmensgewinne konnten die Talfahrt stoppen. Die Sorgen um einen erfolgreichen Verlauf des Einigungsprozesses stellen fast alles andere in den Schatten. Dennoch gilt eine zweite DDR-Hausse an der Börse nicht als ausgeschlossen. Wenn erst einmal die Wirtschaftsunion stehe und damit viel Unsicherheit aus dem Markt sei, so argumentieren viele, könne schnell ein erneuter Börsenboom einsetzen.

Auch die Mehrheit der Banken und Finanzunternehmen, die sich an der monatlichen ZEIT/Südprojekt-Prognose beteiligen, sieht noch in diesem Jahr neue Höchststände für den Deutschen Aktienindex (Dax). Bis zur geplanten Verwirklichung der Wirtschaftsunion im Juli wird zwar eher mit einer "Seitwärtsbewegung" des Dax gerechnet (siehe Graphik). Für die darauffolgenden Monate prognostizieren die meisten der befragten Institute dann jedoch einen Anstieg auf über 2000 Punkte. Lediglich ein Bankhaus rechnet mit leichten Kursverlusten in dieser Zeit.

Doch auch die Optimisten mahnen Aktienkäufer zur Vorsicht. Jörg G. Grünberg, Leiter des Bereichs Anlagestrategie der Commerzbank, vertritt zum Beispiel die Meinung, daß nicht alle Branchen von der zweiten Phase des DDR-Booms an der Börse erfaßt werden. Er empfiehlt lediglich Werte der Bau-, Investitionsgüter- und Konsumgüterindustrie zum Kauf. Ähnlich denkt man in anderen Finanzhäusern, etwa bei der BfG Bank. Deren Berater empfehlen unter anderem Aktien der Baubranche, da sie für einige Unternehmen dieses Bereichs Gewinnsteigerungen zwischen 50 und 100 Prozent erwarten.

Einen Strich durch die Rechnung könnten den Haussiers aber unerwartete Zinssteigerungen machen. Noch höhere Zinsen würden die Kredite weiter verteuern und so die Investitionsfreude der Unternehmen bremsen. Überdies locken sie Anleger in den Zinsmarkt, die dann weniger Geld für Aktien ausgeben. Schon jetzt werfen DM-Anleihen durchschnittlich fast neun Prozent Rendite ab. Und die Gefahr weiterer Zinsanhebungen droht spätestens dann, wenn demnächst die angekündigten "DDR-Anleihen" auf den Markt kommen, mit denen Bund und Länder einen Teil der Kosten der Einheit finanzieren wollen. Noch in diesem Jahr sollen – zusätzlich zur planmäßigen Verschuldung der öffentlichen Hand – auf diesem Weg zwanzig Milliarden Mark aufgenommen werden. In den nächsten Jahren sollen weitere 75 Milliarden Mark folgen.

Die Frage, ob sich genügend Investoren finden, die diese Mittel bereitstellen ohne einen Zinsaufschlag zu verlangen, beunruhigt seit Tagen den Rentenmarkt. Die meisten Banken verweisen allerdings darauf, daß die deutschen Zinsen ohnehin schon unverhältnismäßig hoch seien und der Markt die "DDR-Kosten" praktisch vorweggenommen habe. Auch die meisten Teilnehmer an der ZEIT/Südprojekt-Prognose gehen von eher stagnierenden Zinsen am Rentenmarkt aus. Dies bedeutet freilich auch, daß private wie gewerbliche und öffentliche Schuldner vorerst nicht mit Entlastung rechnen können.

Hoffnung auf sinkende Zinsen kommt indes in den Vereinigten Staaten auf. Dort ist die Konjunktur mächtig ins Strudeln geraten, manche befürchten gar eine bevorstehende Rezession. Das könnte die amerikanische Notenbank dazu veranlassen, wenigstens die Zinsen für kurzlaufende Papiere zu senken, um die Konjunktur durch eine Ausweitung der Geldmenge anzuschieben. Die schwache Konjunktur in Amerika und die unklare Lage an der Börse kann auch eine Ursache dafür sein, daß die ZEIT/Sudprojekt-Prognose für die Wall Street (Dow Jones) eine erhebliche Streubreite zeigt. Während ein Teilnehmer den Dow Jones im November auf über 3000 Punkten sieht (plus 8,5 Prozent), rechnet ein anderer in sechs Monaten mit einem Dow von 2350 (minus 17 Prozent). Im Durchschnitt aller beteiligten Voraussagen ergibt dies einen Wert von 2759.

Sehr unterschiedlich stellen sich auch die Prognosen für den japanischen Nikkei-Aktienindex (sie schwanken zwischen 25 000 und 36 000) sowie für den Goldpreis (330 bis 405 Dollar für die Feinunze) dar. Recht einheitlich – wie schon vor einem Monat – sind die Auffassungen über die Zukunft der D-Mark: Sie bleibt stark.