Von Otto Köhler

Buxtehude

Das Verfahren vor dem Amtsgericht Buxtehude ist überflüssig, und so wird es in einigen Wochen oder Monaten wiederholt werden. Es geht darum, ob der Schriftsteller Gerhard Zwerenz, als er im März letzten Jahres in Buxtehude aus seinem Buch „Soldaten sind Mörder“ las und sich dabei als Deserteur aus der Hitler-Wehrmacht bekannte, in der Diskussion einen der Zuhörer als Mörder bezeichnet hat, was er bestreitet.

Normalerweise wäre dies ein Vorwurf, den ein Zivilgericht klärt, auf Kostenrisiko des Klägers. Doch in diesem Falle übernimmt für den pensionierten Bundeswehrgeneral und ehemaligen Wehrmachtsmajor im Generalstab Horst Ohrloff, der fest daran glaubt, er persönlich sei von Zwerenz als Mörder bezeichnet worden, der Staatsanwalt die Klage, der Steuerzahler das Kostenrisiko, und der General selbst tritt auf als Zeuge in eigener Sache.

Außer ihm sind noch vier Zeugen geladen. Nur einer, ein dem General offensichtlich eng vertrauter Oberstleutnant, bestätigt die Aussage des Generals, Zwerenz habe gesagt: „Für mich sind Sie als ehemaliger Soldat der Wehrmacht ein Mörder.“ Zwei haben nichts dergleichen gehört, und ein Vierter kann nichts sagen, weil er, zu spät geladen, unerreichbar in Urlaub weilt. Da er innerhalb der gebotenen Frist von vierzehn Tagen nicht zurück ist, muß die ganze Veranstaltung mit sämtlichen Zeugen wiederholt werden, der Staatsanwalt will es.

Dabei ist die Wahrheit einfach, nämlich doppelt: Es geht in Buxtehude um die Auseinandersetzung zwischen dem Deserteur und dem General. Da gibt es im Rechtsnachfolgeland Bundesrepublik keine Wahrheit, auf die beide sich einigen könnten. Es gibt nur die Wahrheit des Deserteurs und die Wahrheit des Generals.

Für den General ist alles ganz klar. Der Deserteur Gerhard Zwerenz las aus seinem Buch vor, daß Hitler die Generale mit Geldgeschenken und Rittergütern gekauft habe. Sie hätten doch gar nichts mehr davon gehabt, erläutert der General dem Gericht, des unglücklichen Kriegsendes wegen. Klar ist auch, daß Zwerenz „sehr geworben hat für Deserteure“ und daß der General sich darum fragen mußte, welchem Zweck das dient. Er, der General, halte es nicht für richtig, junge Menschen zur Desertion zu verleiten, das werde, so habe er sich kundig gemacht, mit fünf Jahren Gefängnis bestraft. Zwerenz habe genau gewußt, wen er da beleidigte: „Es ist absolut sicher, daß er von vornherein wußte, daß ich ein hoher Offizier der Wehrmacht und General der Bundeswehr bin.“

Zwerenz war, da ist der Offizier sicher, auf ihn angesetzt. Der General über den, wie er vorher sagte, „vom Osten gesteuerten Agenten“ jetzt vor Gericht etwas vorsichtiger: „Ich habe vermutet, daß er gesteuert wird von außen her.“

Der General weiß, daß es selbstverständlich in jeder Armee Verbrechen gibt. Gewiß ist die Wehrmacht genauso schuldig und nichtschuldig wie andere Armeen auch. „Aber für Sie“, so sagt er vor Gericht zum Deserteur Zwerenz, „bin ich als Major im Generalstab natürlich Kriegsverbrecher.“ Und er klagt, bewegt und verbittert, daß 1945 die Alliierten ihm sein Vermögen und sogar sein Gehalt beschlagnahmt hätten.

Zwar höre er schwer, sagt der General, aber er habe in der zweiten Reihe gesessen und Zwerenz habe – das ist ein Schlüsselsatz, wörtlich: „In der ganzen Veranstaltung hat er Dinge dargestellt, die anders sind.“ Und in diesem Zusammenhang habe Zwerenz – darum klagt der Staatsanwalt für den General – mit dem Finger auf ihn gedeutet und gesagt: „Sie badeten im Blut bis zu den Knien. Sie haben als Wehrmachtsangehöriger schwere Schuld auf sich geladen. Sie sind ein Mörder.“

Auf Vorhalt des Richters, daß Zwerenz bestreite, zu ihm persönlich gesagt zu haben: „Sie sind ein Mörder“, sagt der General: „Ich lege jeden Eid ab, daß er das gesagt hat.“ Davon wird ihn – das wird deutlich – bei der geringsten Aufforderung keiner abhalten können.

Und das ist die Wahrheit des Deserteurs Zwerenz. Er kannte den Mann nicht, der da im Publikum anfing, die deutsche Kriegsschuld zu bagatellisieren. Für ihn, den Deserteur, ist das eine Beleidigung aller Opfer des Krieges. Ein Wehrmachtsoffizier, ein alter Nazi vielleicht, aber nie wäre er darauf gekommen, daß es sich um einen General der Bundeswehr handle. Ja gewiß, sagt Zwerenz, er habe darauf bestanden, daß Generale sich mit Rittergütern und Geld – „Blutgeld habe ich gesagt“ – von Hitler kaufen ließen. Zwerenz weiß, daß er selbst – er wiederholt es vor Gericht – als MG-Schütze ein Mörder war. „Ich habe geglaubt, wir könnten hier vor dem Publikum ein Beispiel geben, indem wir beide sagen, wir haben an Verbrechen teilgenommen.“ Aber der Mann da vor ihm sagte, daß er unschuldig sei und die Wehrmacht auch, daß sie nur gegen den Schandvertrag von Versailles gekämpft habe, daß er, daß das ganze Offizierskorps nur seine Pflicht tat.

Ja, sagte Zwerenz, er habe es nicht ertragen, wie dieser Mann da über die 40 000 Deserteure, die von der Wehrmachtsjustiz umgebracht wurden, sagte: Das ist Rechtens. Er, der bis dahin ganz ruhig war, fürchtete, die Kontrolle über sich zu verlieren. Er habe darum schnell abgebrochen mit dem Satz: „Ich gestatte Ihnen nicht in meiner Gegenwart, das gesamte Offizierskorps der Wehrmacht reinzuwaschen: sie wateten [nicht ,badeten‘, darauf legt der Schriftsteller auch gegenüber dem General Wert] im Blut bis zu den Knien und bringen es nicht fertig, ein halbes Jahrhundert später ihre Schuld einzusehen.“

Und dann habe er, sagt Zwerenz, von der Wehrmacht als einer „Räuber- und Mörderbande“ gesprochen, wie schon 1939 der Wehrmacht-Oberstleutnant Stieff. „Dabei bleibe ich.“ Denn genau deshalb sei er aus der Wehrmacht desertiert, weil er selbst schon damals überzeugt gewesen sei, einer „Mörderbande“ anzugehören. Er desertierte, obwohl er wußte, daß es sein sicherer Tod sein mußte, wenn er ergriffen würde.

Natürlich muß der Deserteur Zwerenz in jedem Wehrmachtsoffizier, der den justizförmigen Mord an über 40 000 Deserteuren als „Rechtens“ bezeichnet, seinen Mörder sehen. Der Bundeswehrgeneral hat sich, auch noch im Prozeß, zu seiner „Pflicht“ in Hitlers Krieg bekannt. Zwerenz weiß also, was der damalige Major mit ihm gemacht hätte, wäre er seiner habhaft geworden, und er könnte gedacht und dann vielleicht auch zu dem General gesagt haben: „Sie sind mein Mörder.“ Er weiß aber auch, daß er in der Rechtsordnung des Nachfolgestaates keinen Soldaten, keinen General direkt als Mörder bezeichnen darf, selbst wenn der die Verantwortung für die Vernichtung von Hunderten oder Tausenden von Menschenleben trüge.

Des Richters Quintessenz am Ende der Beweisaufnahme: Zwei Exponenten, ein General und ein Pazifist, haben aufeinander provozierend gewirkt. Beide haben sich heftig Dinge gesagt, über das hinaus, was man bei ruhiger Betrachtung äußere. Ob das jeweils Beleidigungen waren, könne angezweifelt werden, weil dem heftig Argumentierenden das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Wahrnehmung berechtigter Interessen zuzubilligen sei. Und das Delikt der Beleidigung gehöre ohnedies „normalerweise“ in die Privatklage. Also: Das Verfahren könne eingestellt werden. Vorausgesetzt, daß Zwerenz – er allein – eine Geldbuße zahle.

Zu Beginn des Prozesses hatte der Richter den Schriftsteller gefragt, ob es ihm beim Schreiben darum gehe, seine Thesen unters Volk zu bringen, oder darum, Geld zu verdienen. Zwerenz versagte sich die Gegenfrage, ob es dem Richter bei seiner Tätigkeit ums Geldverdienen mit Pensionsanspruch oder ums Rechtsprechen gehe.