Jemand kann der größte Verbrecher sein. Aber solange er an der Macht ist, wird er als Partner behandelt." Ein derart hartes Urteil über die Realpolitik ist aus dem Munde eines Liberal-Konservativen selten zu hören. Prinz Asfa-Wossen Asserate weiß freilich, wovon er redet. Den Exil-Äthiopier, einen Großneffen des gestürzten Kaisers Selassie, verbittert die duldsame Haltung des Westens gegenüber der Tyrannei in seiner Heimat. In der Tat: der "rote Terror" des Unrechtsregimes in Äthiopien, die Massaker an Zivilisten, der Einsatz von Napalmbomben, die Folterungen von Oppositionellen, der betrügerische Mißbrauch von Hungerhilfe – vergessen, verdrängt oder gar verziehen.

Auch deutsche Politiker, Diplomaten und Journalisten aller Couleur hätscheln den Diktator Mengistu in einer geradezu skurrilen Einmütigkeit, jetzt, da er seine dubiose Version der Perestrojka angekündigt hat, erst recht. Der einfache Grund: Sie alle hoffen, daß der bislang von den Sowjets gesäugte Abtrünnige wieder ins westliche Lager überläuft. Wo derart hehre Ziele verfolgt werden, wäre es kleinmütig, daran zu erinnern, daß die äthiopische Unterdrückungsmaschinerie nach wie vor auf Hochtouren läuft, gerade so, als würde sie noch – wie früher – von der ostdeutschen Stasi geölt. Die Bundesregierung sieht unterdessen die Einhaltung der Menschenrechte gewahrt.

"Das bringt mich zur Verzweiflung", klagt Ursula Eid von den Grünen, die in der Äthiopien-Politik wohl engagierteste deutsche Politikerin. "Vor allem die CDU, sonst immer an vorderster antikommunistischer Front, übersieht die Schweinereien im kommunistischen Äthiopien." Einer der einflußreichsten Afrika-Politiker der Union, Hans Stercken, ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Er hat in Äthiopien viele gute Freunde, die dankbar dafür sind, daß just in jener Zeit, als Stercken Vorsitzender der Interparlamentarischen Union war, der Shengo, das Marionetten-Parlament in Addis Abeba, in das erlauchte "Weltparlament der Parlamente" aufgenommen wurde. Dies steht normalerweise nur demokratisch legitimierten Volksvertretungen zu.

Die deutschen Gesandten in Addis Abeba sind – ausnahmsweise – auf dem linken Auge blind. "Die Propaganda färbt eben ab", erzürnt sich der Vertreter einer humanitären Hilfsorganisation. "Gutes Einvernehmen mit Mengistu ist ihnen wichtig. Scharf kritisieren – das traut sich keiner." Was so mancher Afrika-Diplomat außerhalb Äthiopiens über die verzerrte Wahrnehmung seiner Kollegen innerhalb Äthiopiens sagt, ist nicht zitierfähig. Daheim in Bonn, im Auswärtigen Amt, zeichnet Gräfin Helga Strackwitz für das Horn von Afrika verantwortlich. "Bei der darf man überhaupt nichts gegen den Heiligen Mengistu sagen", verrät ein Mitarbeiter des Hauses.

Die einseitigen Informationen aus dem Auswärtigen Amt vernebeln bisweilen auch den Sozialdemokraten das Urteil. Es geschehen seltsame Dinge: Einer Tageszeitung wurde ein ominöses Manuskript zugespielt, das Haarsträubendes über die Eritrea-Rebellen streut. Es stammte aus dem Büro Oskar Lafontaines. Der Sozialdemokrat Günther Verheugen, ansonsten ein vorbildlicher Streiter für die Menschenrechte, übt beim Blick auf das Horn von Afrika befremdliche Zurückhaltung und sagt: "Wir können uns die Regierungen nicht aussuchen." Seine Partei reiht sich ein in die große Koalition der Schweiger. Das fällt leicht in einer Zeit, in der sich deutsche Politik ausschließlich mit sich selbst beschäftigt.

Das Thema Äthiopien ist im Auswärtigen Ausschuß seit langem nicht mehr behandelt worden. Der Unterausschuß Humanitäre Hilfe und Menschenrechte konnte sich erst nach einigem Geplänkel hinter den Kulissen zu einem Termin für ein Hearing im Hohen Haus einigen: Am vergangenen Montag sollten die Parlamentarier Gelegenheit haben, über den teutonischen Tellerrand zu schauen und "Perspektiven für die Überlebenschancen der Menschen in Äthiopien" zu diskutieren. Daraus wurde nichts. Die eritreische Befreiungsfront sagte ihre Teilnahme und der Unterausschuß die ganze Anhörung ab.

Ohnehin ist fraglich, ob die Abgeordneten, die an der Anhörung teilnehmen wollten, so beherzt zur Sache gegangen wären wie unlängst ihre amerikanischen Kollegen; die erinnerten bei einem Senatshearing an das Selbstbestimmungsrecht der Eritreer. Hierzulande gilt: Die Eritrea-Frage ist ein rein inneräthiopischer Konflikt, die territoriale Integrität ist unantastbar, Punktum. Das läßt sich auch in der Begründung nachlesen, die der Bundestagsunterausschuß zur Absage der in dieser Woche geplanten Anhörung verteilen ließ: Man wolle sich der "Völker- und staatsrechtlichen Fragen enthalten". Hohe Diplomatie und Politik scheinen sich zu bewegen wie ein Supertanker, der den einmal eingeschlagenen Kurs aufgrund der Trägheit der Masse nicht so leicht korrigieren kann.