Von Helga Königsdorf

Eigentlich möchte ich jetzt einfach tief durchatmen. Haben nicht meine Schuldgefühle etwas von Größenwahn? Aber selbst wenn das so ist, begann alles viel früher. Und nun muß ich an dem angemaßten Ort bleiben und kann mich nicht einfach aus der Verantwortung drücken. Wenn man später wissen will, wie es gewesen ist, in dieser DDR, wird man es vor allem aus der Literatur erfahren. Oder besser, man wird erfahren, wie es auch gewesen ist. Man erfährt also nur die halbe Wahrheit, die zur Halbwahrheit verkäme, unterstellte man ihr den Anspruch eines Gesamtberichts.

Die DDR-Literatur gleicht einem vielgeprügelten Hund. Kaum wechselt die Obrigkeit, klatscht die Hand, die eben noch entrüstet über die Schläge der alten Herren mit dem Finger drohte, neuen Schlägern Beifall. Die Menschen in diesem Land, auch seine Schriftsteller, könnte man zur Zeit in zwei Gruppen aufteilen: die einen, die schon immer Gesamtdeutsche waren und die diese DDR nie als ihr Land akzeptierten, und diejenigen, die in diesen vierzig Jahren eine DDR-Verbundenheit entwickelt haben. Wie man ein Verhältnis zu einem steinigen Stück Land hat, das man unter großen Mühen zu bessern versucht. Letztere stehen nun als die Verlierer und voller Kummer da, und es wird ihnen noch unterstellt, sie wären die Verteidiger des schlimmen Geschehens.

Der Riß geht mitten durch alle politischen und ideologischen Bekenntnisse. Es gibt ehemalige Parteimitglieder, die sich besinnen, immer deutsch gewesen zu sein und nichts anderes gewollt zu haben. Und es gibt Kirchenleute, die um den Verlust dieses deutschen Landes DDR trauern. Es gibt Leute, die das Land verlassen mußten und die das Gefühl haben, nun erst endgültig um Heimat betrogen zu sein, und andere, denen es leichtfiel, diesem Land den Rücken zu kehren.

Woher kommt bei den einen dieser Schmerz, dieses Verlustgefühl? Wieso haben wir nicht die ganze Wahrheit geschrieben? Hier ist das Skalpell anzusetzen. Auf diese Fragen muß geantwortet werden. Von uns selbst. Nicht, um das Schäbige, das andere über uns sagen, abzuwehren. Sondern um für uns selbst zu klären, woher wir den Mut schöpfen, weiter zu schreiben. Gewiß liegt die Versuchung nahe, anderen, die uns jetzt so streng befragen, zu sagen, sie mögen doch dem Riß in sich selbst nachspüren. Aber das wäre zu billig. Und wahrscheinlich tun sie es leichter, wenn sie unsere Ernsthaftigkeit spüren.

Wir sagen nicht, wir haben es nicht gewußt. Oder wir sind betrogen worden. Das verbietet der Stolz. Und es träfe auch nicht zu. Man konnte immer alles wissen, wenn man es nur wollte. Und auf so dumme Weise konnte man uns nicht belügen. Und nach kurzen Anwandlungen von Gläubigkeit, oder war es vielleicht schon Glaubenwollen, die einige von uns durchmachten, begriffen wir, jedenfalls die meisten von uns, daß die Strukturen nicht funktionieren konnten. Überall gab es dafür Symptome. Und dem Bloßlegen solcher Symptome diente vieles, was geschrieben wurde. Wir kritisierten, aber wir stellten nicht in Frage. Jedenfalls nicht total.

Wir mochten ihn nicht, diesen Kapitalismus mit seiner sozialen Ungerechtigkeit, mit seinen perfekten Mechanismen, mit seiner rücksichtslosen Effektivität. Dieser Sozialismus, mit seiner Häßlichkeit und seiner Schwäche, war so oft totgesagt worden, daß er sich den Beinamen "real" geben mußte, damit man an seine Existenz wirklich glauben konnte. Oder man mußte mit der Nase darauf gestoßen werden, was ja mehr oder weniger heftig mit jedem auch geschah. Auf jeden Fall war es wohl gerade seine Unvollkommenheit, die seine endgültige Existenzfähigkeit in dieser Form als zweifelhaft erscheinen ließ. Wir glaubten an die Möglichkeit, ihn von innen her zu reformieren, ihn zu bessern. An die Möglichkeit, der schönen Utopie ein Stück näher zu kommen.