Eine Liebe dauert so lange, wie man sich ein Bild vom anderen machen kann, das einen kleinen Traum zuläßt. Bleibt nichts mehr offen, geht die Liebe zu Ende. Wir akzeptierten es nicht, das System, das uns umgab, aber wir liebten die Utopie, die es einst auf seine Fahnen geschrieben hatte. Und wir hatten immer noch die Hoffnung, wir könnten irgendwie dahin gelangen.

Dafür schrieben wir, waren wir listig, verbündeten uns zeitweilig sogar mit den Gegnern unserer Hoffnung. Das war die Wurzel unserer inneren Zensur. Die Grenze fiel bei jedem anders aus. Den einen war Soforteinflußnehmen, also gedruckt werden, wichtig, die anderen hatten einen längeren Atem. Wir wollten das System erschüttern, um es zu verändern, aber nicht das Land preisgeben, mit dem sich unsere Utopie verbunden hatte. Je schmerzhafter die Differenz zwischen Traum und Realität wurde, um so stärker die Verpflichtung, sich einzumischen. Gerade dieser Leidensdruck wurde die Quelle für unsere Arbeit. In der die Trauer zunahm. Kaum noch Übermut. Und diesen Kummer teilten wir mit unseren Lesern. Nicht allein die Ersatzfunktion, die Literatur hatte, erklärt ihre Rolle in diesem Land, sondern genau diese Verbundenheit.

Im Herbst der Moment Schönheit, in dem die Utopie zum Greifen nahe schien. Ein falscher Schein. Ein Irrtum. In Wahrheit ist sie nie so fern gewesen wie in diesem Augenblick. Wir, die wir dafür gestritten hatten, die wir so lange gehofft hatten, man kann uns bornierte Träumer nennen oder was sonst auch immer, wir waren einen Moment so närrisch vor Glück, daß wir unser Metier verließen und die Wirklichkeit zu unserem Kunstwerk machen wollten.

Sicher ist das alles ein bißchen vereinfachend, wie alles, was gesagt werden wird, und trifft auf den einzelnen in sehr unterschiedlichem Maße zu. Auch das Maß der Mitschuld, das jeder empfindet, wird sehr verschieden sein, und es ist sicher auch verschieden. Und das ist dann der Punkt, wo Ichsagen notwendig wird.

Für einen kurzen Augenblick dachte ich im Herbst, es würde der Leidensdruck fehlen und Schreiben wäre nicht mehr nötig. Aber dann brachen die ganze Wucht der Erkenntnis über das eigene Versagen und der Schmerz über die verlorene Vision über mich herein. Es ist ein Schmerz wie nach einer Operation. Ich muß an der Seite derjenigen bleiben, die nun den gleichen schwierigen Weg gehen.

Leben ohne Utopie. Schreiben ohne Utopie. Reißbrettentwürfe haben immer auch etwas Unbescheidenes. Vielleicht kommt es längst nur darauf an, der Apokalypse den Weg zu verlegen. Und daß dies nun so in Vergessenheit gerät, darin sehe ich unsere eigentliche Schuld. Gab es überhaupt DDR-Literatur? In diesem Land wurde Gutes und Schlechtes geschrieben, wie überall. Und einiges wenige davon ging in die Welt. Vielleicht als Botschaft aus einem seltsamen Land. Vielleicht auch als Nachricht von Menschen.

Und es muß noch geschrieben werden, was offenblieb. Es ist unsere Pflicht, Zeugnis abzulegen.

Wenn ich nun vorsichtig versuche, tief durchzuatmen, merke ich, wie Reifen um Reifen bricht. Ich wußte gar nicht, daß da so viele waren.