"Die DDR darf nicht erpreßbar sein"

Von Michael Schwelien

Dresden, Ende Mai

Das Büro ist so groß wie ein Saal. Hinter dem Schreibtisch hängt Schmuck, im Glaskasten ausgebreitet das Banner des Arbeiter- und Bauernstaates. Unter dem Fenster stehen die Büsten von Lenin und Engels. "Aber das kommt auch noch weg", sagt Hans Süß mit fast geringschätzigem Blick. Er muß es wissen; denn der Generalleutnant und Professor ist Chef der Militärakademie "Friedrich Engels" in Dresden, Leiter also der zentralen Kaderschmiede der Nationalen Volksarmee.

Aber Kaderschmiede? Mit "Genosse Soldat" wird hier keiner mehr angeredet. "Sie" heißt es, "Herr" oder "Major", "Oberst" und "General". Der NVA steht jetzt ein Friedenspfarrer, Rainer Eppelmann, als Minister vor. Sein Amt ließ er umbenennen in Ministerium für Abrüstung und Verteidigung. Ganze Einheiten wurden aufgelöst, die Streitkräfte sind von 168 000 auf 135 000 Mann geschrumpft, eine weitere Verringerung auf 100 000, vielleicht gar auf 70 000 hält der Theologe für möglich. Alle vier Startrampen für die SS-23-Raketen sind "außer Dienst gestellt" – drei wurden verschrottet, eine in das Militärmuseum auf der anderen Seite der Elbe in Dresden gebracht. Die dazugehörenden 96 Raketen, angeblich nur konventionell bestückt, aber auf jeden Fall atomar umrüstbar, konnte die NVA nicht selber entsorgen, und zwar aus ökologischen Gründen – der Festbrennstoff hätte die ohnehin strapazierte DDR-Umwelt noch weiter vernarbt. Die Geschosse wurden an "Mischa", den großen Bruder, zurückgeschickt.

Bestellungen für neue Waffensysteme ließ Eppelmann unlängst stornieren. Sechshundert Panzer, fünfzig Kampfflugzeuge, etliche Landungsboote wurden bereits im vergangenen Jahr eingemottet oder verschrottet. Eine Streitmacht auf dem Rückzug, alles erinnert an die Worte von Ogden Nash, der einst schrieb: "Du sahst so herrlich aus, als du vorrücktest / hast du dich auch auf dem Rückzug gesehen?"

Und doch bemerkt Professor Süß, keineswegs beiläufig: "Hier hat sich nichts geändert." Für ihn persönlich treffen diese Worte in gewisser Weise sogar zu. Bevor er Mitte März Leiter der Militärhochschule wurde, war er ein Jahr lang Hauptinspekteur im Ministerium, verantwortlich für die Ausbildung, davor zehn Jahre Kommandeur der Hochschule für Luftverteidigungsoffiziere. Ein Mann also, dessen Laufbahn von der Wende unbeeinflußt blieb, ein Mann der Kontinuität, der weiß: "Militärs müssen ihr Handwerk beherrschen."

Natürlich meint er zunächst nur den Personalstand an der Akademie. Zweihundert Studenten sind im September vergangenen Jahres eingerückt, zweihundert werden es im September dieses Jahres sein. Aber die Lehre, wird sich die verändern? "Militärwissenschaftlich müssen wir natürlich akzeptieren, daß auch herkömmliche Kriege nicht mehr möglich sind", doch dies sei so neu nicht, dies entspreche der "Doktrin ’87", die ja einen "strikten Verteidigungskrieg" vorgesehen hatte. Überhaupt befinde sich die NVA in einem "bestimmten Stabilisierungsprozeß". Zwar habe er, Süß, "schlaflose Nächte" durchgemacht, dies aber, weil er bis vor einem Monat für die Militärreform verantwortlich gewesen sei. Doch nun schöpfe er Hoffnung, denn die Regierung sei "in Ordnung", Eppelmann "vernünftig".

"Die DDR darf nicht erpreßbar sein"

Und was nun? Verlieren die Bündnisse, Nato und Warschauer Pakt, nicht an Bedeutung, werden die modernsten Armeen nicht überflüssig? Sind nicht die Soldaten "verunsichert", ist deren Einsatzbereitschaft nicht mehr "sicherzustellen", wie die Flug Revue, die Zeitschrift der DDR-Luftwaffe, unlängst schrieb? Oder alles nur "Pustekuchen", wie trend, das Militärwochenblatt Ost-Berlins, dem Hamburger Abendblatt trotzig entgegenhielt, als dieses urteilte, die Volksmarine sei in Auflösung begriffen?

Professor Süß antwortet militärwissenschaftlich. Zu erforschen sei, "wie das Militärpotential unterhalb der Schwelle eines Krieges politikwirksam werden kann". Aber er gibt auch einen Hinweis auf vielleicht doch tiefer greifende Veränderungen. Er werde ein kleineres Büro beziehen, um Raum für ein neu zu bildendes Institut zur "Konversion der Streitkräfte" zu schaffen.

Ein paar Türen weiter haben sich fünf seiner Offiziersausbilder versammelt, die auch alle die Ränge von SED und NVA durchlaufen haben. Sie werden die "Konversion", sprich: die Umwandlung, den Glaubenswechsel, den Studenten einbleuen müssen, falls diese nicht von selber darauf kommen. Einer dieser Lehrer, grauhaarig und poltrig, ist Kapitän zur See Adolf Feil: "Also, die Armee schmerzlos so schnell wie möglich beseitigen, das wollen manche – ich persönlich bin da anderer Meinung." Welcher? "Eine Reduzierung ist möglich, aber es darf kein Sicherheitsloch entstehen durch voreilige und einseitige Schritte." Für Doktor Feil ist ausgemacht: Die "pazifistische Ansicht" hat zur Verunsicherung beigetragen; die Streitkräfte sind der "Garant gegen den Rückfall in Unvernunft". Das klingt vertraut, das scheint stabil. Denn das entspricht wörtlich dem, was die Militärs auf beiden Seiten vor der Revolution in der DDR stets gepredigt hatten. Aber wo klafft das Sicherheitsloch? Nun, es könnte vielleicht einmal klaffen, antwortet Adolf Feil, denn: "Konzeptionen lassen sich schnell ändern, Streitkräfte nicht, besonders, wenn sie abgeschafft sind."

Feil denkt weiterhin in Blöcken. Immer noch gelte im Warschauer Pakt der Vertrag über den gegenseitigen Beistand. Sowjetische Kollegen fragen schon: "Seid ihr noch zuverlässig?" Überhaupt wäre es "schäbig" zu sagen: "Gestern war der noch mein großer Bruder, heute soll er abhauen."

Der jüngste in der Runde der Militärwissenschaftler, Major Frank Tielecke, formuliert am radikalsten. Er sucht nach einem "völlig neuen Verständnis" von Militär und militärischer Gewalt, da Feinde und Feindbilder "de facto" verschwinden würden. Alle im Zimmer waren SED-Mitglieder, und keiner widerspricht, als einer der älteren, Oberst Helmut Hampel, erklärt, für ihn sei es schlicht nicht vorstellbar, demnächst vielleicht nur eine deutsche Regierung, einen Staat, aber zwei Chefs der Streitkräfte zu haben.

Für die Soldaten ist dies vielleicht auch nicht denkbar. Sicher kennen die Theoretiker auf der Akademie den Alltag bei der Truppe. Vor zwei Wochen stattete Minister Eppelmann beim 3. Motorisierten Schützenregiment in Brandenburg seinen Antrittsbesuch der Landstreitkräfte ab. Motorisierte Schützenregimenter entsprechen den Panzergrenadieren in der Bundeswehr, sind also Einheiten, deren Vordringen durch das "Fulda-Gap" ehedem im Westen als die größte unmittelbare Gefahr angesehen wurde. Der Kriegsdienstverweigerer Eppelmann schwebte im Mi-8-Hubschrauber (Salonvariante) ein.

Die vor den Panzern aufgestellten Offiziere meldeten zackig: "22 T-55-Panzer, bereit ihren Auftrag zu erfüllen." Weshalb der Beton an den Garagenauffahrten zerbröckelt sei, wollte der Minister wissen. "Weil wir keine Firma finden, die ihn reparieren kann", antwortete der Kommandeur. Wie lange es dauern würde, bis die Panzer herausfahren können? "Sechs Stunden, weil die Batterien ausgebaut sind." Während der Troß mit dem Minister von Garage zu Garage zog, gab uns etwas abseits ein Wachsoldat seinen Lagebericht: "250 Mark-Ost im Monat; ich reiße meine Zeit noch ab, dann ist Schluß; früher waren wir fünfzehn auf der Wache, jetzt zwei; drei Tage lang haben wir hier alles für den Besuch geputzt und renoviert, aber es sieht immer noch beschissen aus; die Offiziere sind doch alle Stubenpupser." Während er so lamentierte, wollte der Wachmann doch für einen Moment lang Dienst tun und einem vorbeischlurfenden Rekruten verbieten, vor dem Kasino entlangzugehen: "Dort speist der Minister." Doch der Rekrut zuckte kaum mit den Schultern, "Na und?", und zog weiter.

"Die DDR darf nicht erpreßbar sein"

Einige Veränderungen waren gewollt. Der Wehrdienst wurde von achtzehn auf zwölf Monate verkürzt. Jeder, auch der bereits Eingezogene, kann sich für den Zivildienst entscheiden. Abends und an Wochenenden ist dienstfrei. Kaum einer wird heute mehr als hundert Kilometer von seinem Wohnort stationiert. Anderes aber kam ungewollt daher: Soldatenräte, die den Offizieren dreinredeten; der Exodus aus den Kasernen; die Abwanderung vor allem der unteren Dienstgrads, die zu einer offizierslastigen Streitkraft führte und die offizielle Zahl von 135 000 Mann unrealistisch erscheinen läßt.

Denn auch bei der Luftstreitkraft, der Elite der NVA, schieben Offiziere Wache, müssen höhere Chargen die Flugzeuge warten und nachts am Ridar hocken. Preschen, hinter Cottbus, nahe der polnischen Grenze: Hier ist das Jagdfliegergeschwader Wladimir Komarow stationiert, das beste, das modernste der DDR: Zwanzig Jäger vom Typ MiG-29 sind in den Bunkern abseits der Startbahn versteckt. Sie wurden erst 1988 geliefert. Doppeltes Leitwerk, Geschwindigkeit: 2,2 Mach. Ein Blick in das Cockpit würde jeden Nato-Piloten entzücken. Denn die MiG-29, die sogar im senkrechten Aufstiegsflug noch beschleunigen kann, ist ein Einzelsitzer, der Pilot ist König der Lüfte. Wenn erst einmal die beiden Triebwerke unter ihm röhren, ist er Herr im Himmel, dem kein Navigator, kein Kanonier dazwischenfunkt.

Die MiG-29 war der Schrecken der Nato. Sie war als Antwort auf deren Konzept der Vorne-Verteidigung konzipiert worden. Aber jetzt: Wozu benötigt die DDR das 13,5 Millionen Rubel teure Ungetüm noch?

Oberstleutnant Wolfgang Kilian, der markige Kommandeur des Geschwaders, erstattet regelrecht Bericht: "Voll einsatzbereit." Wofür eigentlich, wer ist der Feind? "Wir verteidigen unser Volk." Für Kilian ist die Luftwaffe "eine Art Polizei". Er kann sich vorstellen, mit seinen Jagdflugzeugen eines Tages sogar Polen und die Tschechoslowakei zu schützen. Noch einmal: Gegen wen? "Terroristen zum Beispiel." Einen möglichen Gegner konkret benennen, das kann, das will auch Kilian nicht. Er bleibt im Allgemeinen, spekuliert über die "leider nicht konfliktfreie Welt", sieht im Irak, in Albanien und in China, aber auch in der Sowjetunion "mit ihren sozialen Problemen" und ihrem "nicht reformfähigen alten Apparat" mögliche neue Unruheherde. Von wem auch immer, so der Kampfflieger: "Militärisch darf die DDR nicht erpreßbar sein."

Ein Fliegergeschwader wie dieses in Preschen kann auch ohne Fußvolk auskommen. Hier ist wirklich alles beim alten geblieben, wenn man davon absieht, daß jetzt nicht mehr ein "Tornado", sondern schlicht ein "Gegner" als möglicher Gegner angesehen wird. Und die Zukunft? Oberstleutnant Kilian sagt: Eppelmann hat uns die Perspektivangst genommen.

Auf der Kommandeurstagung der NVA Anfang Mai hatte der Minister, der ja nicht nur seinen Vorgänger, Admiral Theodor Hoffmann, als Chef der Streitkräfte im Amt beließ, sondern stets auch dessen "fachliche Kompetenz" würdigte, die Offiziere der NVA beruhigen können. "Als Mann der Friedensbewegung", sagte er dort, "brauche ich eine realistische Betrachtung." Er wünsche sich kein entmilitarisiertes Deutschland. Deshalb spreche er sich für die "sicherheitspolitische Selbständigkeit" der DDR und die "Fortexistenz" der NVA aus. Nur jeder dritte Offizier werde gehen müssen. Wäre es nicht absolut gegen den Comment, die Offiziere hätten ihn beklatscht.

Nur über eines herrschte unter den "Berufskadern", wie sie sich oft immer noch nennen, keine völlige Klarheit: Welchen Status sollen sie erhalten, wie werden sie besoldet? Auch im Kreise von Kilians Offizieren haben sich die Vorstellungen des Verbandes der Berufssoldaten durchgesetzt. Major Volkmar Posseidt, örtlicher Vorsitzender der Interessenvereinigung, bringt sie auf den Nenner: "So etwa wie in der Bundesrepublik."

Und dies ist ein Thema, das die NVA ebensosehr beschäftigt, wie der Widerspruch, einerseits keinen Feind mehr zu haben, andererseits trotz geringerer Stärke voll einsatzbereit sein zu wollen. Ein langes Gespräch mit drei Offizieren der 4. Flottille in Rostock-Warnemünde, die, wie die anderen Einheiten der Volksmarine im Grunde nur noch die Aufgaben eines Seenotrettungsdienstes zu erfüllen hat, endete mit den Wünschen von Detlef Palm, Kommandant eines Küstenschutzschiffes: "Mir ist das Hemd näher als der Rock, ich will nur Beamter werden."