Und was nun? Verlieren die Bündnisse, Nato und Warschauer Pakt, nicht an Bedeutung, werden die modernsten Armeen nicht überflüssig? Sind nicht die Soldaten "verunsichert", ist deren Einsatzbereitschaft nicht mehr "sicherzustellen", wie die Flug Revue, die Zeitschrift der DDR-Luftwaffe, unlängst schrieb? Oder alles nur "Pustekuchen", wie trend, das Militärwochenblatt Ost-Berlins, dem Hamburger Abendblatt trotzig entgegenhielt, als dieses urteilte, die Volksmarine sei in Auflösung begriffen?

Professor Süß antwortet militärwissenschaftlich. Zu erforschen sei, "wie das Militärpotential unterhalb der Schwelle eines Krieges politikwirksam werden kann". Aber er gibt auch einen Hinweis auf vielleicht doch tiefer greifende Veränderungen. Er werde ein kleineres Büro beziehen, um Raum für ein neu zu bildendes Institut zur "Konversion der Streitkräfte" zu schaffen.

Ein paar Türen weiter haben sich fünf seiner Offiziersausbilder versammelt, die auch alle die Ränge von SED und NVA durchlaufen haben. Sie werden die "Konversion", sprich: die Umwandlung, den Glaubenswechsel, den Studenten einbleuen müssen, falls diese nicht von selber darauf kommen. Einer dieser Lehrer, grauhaarig und poltrig, ist Kapitän zur See Adolf Feil: "Also, die Armee schmerzlos so schnell wie möglich beseitigen, das wollen manche – ich persönlich bin da anderer Meinung." Welcher? "Eine Reduzierung ist möglich, aber es darf kein Sicherheitsloch entstehen durch voreilige und einseitige Schritte." Für Doktor Feil ist ausgemacht: Die "pazifistische Ansicht" hat zur Verunsicherung beigetragen; die Streitkräfte sind der "Garant gegen den Rückfall in Unvernunft". Das klingt vertraut, das scheint stabil. Denn das entspricht wörtlich dem, was die Militärs auf beiden Seiten vor der Revolution in der DDR stets gepredigt hatten. Aber wo klafft das Sicherheitsloch? Nun, es könnte vielleicht einmal klaffen, antwortet Adolf Feil, denn: "Konzeptionen lassen sich schnell ändern, Streitkräfte nicht, besonders, wenn sie abgeschafft sind."

Feil denkt weiterhin in Blöcken. Immer noch gelte im Warschauer Pakt der Vertrag über den gegenseitigen Beistand. Sowjetische Kollegen fragen schon: "Seid ihr noch zuverlässig?" Überhaupt wäre es "schäbig" zu sagen: "Gestern war der noch mein großer Bruder, heute soll er abhauen."

Der jüngste in der Runde der Militärwissenschaftler, Major Frank Tielecke, formuliert am radikalsten. Er sucht nach einem "völlig neuen Verständnis" von Militär und militärischer Gewalt, da Feinde und Feindbilder "de facto" verschwinden würden. Alle im Zimmer waren SED-Mitglieder, und keiner widerspricht, als einer der älteren, Oberst Helmut Hampel, erklärt, für ihn sei es schlicht nicht vorstellbar, demnächst vielleicht nur eine deutsche Regierung, einen Staat, aber zwei Chefs der Streitkräfte zu haben.

Für die Soldaten ist dies vielleicht auch nicht denkbar. Sicher kennen die Theoretiker auf der Akademie den Alltag bei der Truppe. Vor zwei Wochen stattete Minister Eppelmann beim 3. Motorisierten Schützenregiment in Brandenburg seinen Antrittsbesuch der Landstreitkräfte ab. Motorisierte Schützenregimenter entsprechen den Panzergrenadieren in der Bundeswehr, sind also Einheiten, deren Vordringen durch das "Fulda-Gap" ehedem im Westen als die größte unmittelbare Gefahr angesehen wurde. Der Kriegsdienstverweigerer Eppelmann schwebte im Mi-8-Hubschrauber (Salonvariante) ein.

Die vor den Panzern aufgestellten Offiziere meldeten zackig: "22 T-55-Panzer, bereit ihren Auftrag zu erfüllen." Weshalb der Beton an den Garagenauffahrten zerbröckelt sei, wollte der Minister wissen. "Weil wir keine Firma finden, die ihn reparieren kann", antwortete der Kommandeur. Wie lange es dauern würde, bis die Panzer herausfahren können? "Sechs Stunden, weil die Batterien ausgebaut sind." Während der Troß mit dem Minister von Garage zu Garage zog, gab uns etwas abseits ein Wachsoldat seinen Lagebericht: "250 Mark-Ost im Monat; ich reiße meine Zeit noch ab, dann ist Schluß; früher waren wir fünfzehn auf der Wache, jetzt zwei; drei Tage lang haben wir hier alles für den Besuch geputzt und renoviert, aber es sieht immer noch beschissen aus; die Offiziere sind doch alle Stubenpupser." Während er so lamentierte, wollte der Wachmann doch für einen Moment lang Dienst tun und einem vorbeischlurfenden Rekruten verbieten, vor dem Kasino entlangzugehen: "Dort speist der Minister." Doch der Rekrut zuckte kaum mit den Schultern, "Na und?", und zog weiter.