Man braucht das Gedankenspiel nicht fortzusetzen, weil kein deutscher Politiker es spielt – es spielen kann. Aber es zeigt den Unterschied zu 1871. Wir sind historisch so belastet und politisch, wirtschaftlich und militärisch so nach West und Ost verflochten, daß wir uns weit nicht bewegen können. Was früher die Macht der Sieger tat, bewirkt heute die Macht der Verhältnisse.

So steht nun also zu Verhandlung, wie man Europa und Deutschland miteinander versöhnt. Seit Jahrhunderten ist das mißlungen. Deutschland hat, wie der Kanzler Kiesinger einmal sagte, eine kritische Größe: Es ist zu klein, um Europa zu beherrschen, und zu groß, sich ihm einzufügen. Beide Seiten litten darunter. Im vielstaatlichen Deutschland des 17. Jahrhunderts tobte halb Europa sich dreißig Jahre lang aus, das Deutsche Reich des 20. Jahrhunderts tobte sich wiederum in ganz Europa aus. Nach dem Abschluß dieses zweiten Dreißigjährigen Krieges ergab sich eine Lösung des deutschen Problems, die niemand beabsichtigt hatte, aber alle als wohltuend empfanden. Jeder Teil des Kontinents bekam so viel von Deutschland, wie er nutzen und vertragen konnte, Westeuropa erhielt die große Bundesrepublik und Osteuropa die kleinere DDR.

Aber damit ist es nun vorbei, alle Beteiligten stehen wieder vor den gleichen Fragen wie vierzig Jahre zuvor. Wie muß Europa organisiert werden, damit die deutsche Kraft niemanden gefährdet und das deutsche Gewicht und Gebiet keiner Macht allein zugute kommt? Damals wie heute wollten die Amerikaner alles selber machen und haben. Anfang der fünfziger Jahre erklärten sie, ein vereintes Deutschland müsse sich sein Bündnis suchen dürfen – jedermann wußte, es würde das westliche sein. Und die Sowjetunion erklärte deshalb, sie könne einer Vereinigung nur zustimmen, wenn Deutschland neutralisiert werde.

Heute verlangt Washington, das vereinte Deutschland müsse der Nato angehören, und die meisten Europäer, auch in Warschau, Prag und Budapest, stimmen zu. Die deutsche Politik in fester Bündnisdisziplin und die deutsche Armee unter alliiertem Kommando – das erscheint weit sicherer als ein neutralisiertes Deutschland, wie es die Sowjetunion damals forderte und auch jetzt wieder empfahl. Gegen ganz Europa kann Moskau die Neutralisierung nicht durchsetzen, es hat den Gedanken nun auch aufgegeben. Aber unerträglich wäre für den Kreml eine Regelung, die allein zu seinen Lasten ginge – ganz Deutschland in der Nato, die sowjetischen Truppen in der DDR nur noch für begrenzte Zeit geduldet, und die Amerikaner als die einzige Garantiemacht für Ruhe und Frieden in Europa. Das würde Gorbatschow innenpolitisch kaum überleben.

In den fünfziger Jahren fand sich keine Lösung, die ein vereintes Deutschland zwischen den Großmächten ermöglicht hätte – deshalb blieb es bei der Teilung. Jetzt aber ist die Teilung nicht mehr aufrechtzuerhalten, daher muß nun eine Lösung gefunden werden. Zu unserem Glück bestehen heute Möglichkeiten, die es damals noch nicht gab.

Zunächst einmal sind alle etwas vernünftiger geworden, jedenfalls alle, die gegenwärtig in Europa zu bestimmen haben. Der Kalte Krieg und seine gänzliche Erfolglosigkeit haben auch die entschlossensten Kämpfer ermattet. Seit Gorbatschow hat sich nun auch der Inhalt des Kampfes verflüchtigt. Den Kommunismus gibt es nicht mehr, deshalb läuft auch der Antikommunismus ins Leere. So wird heute vieles lösbar, was ideologische Verstocktheit früher blockierte.

Die wirtschaftliche Erschöpfung der Großen kommt hinzu: Nicht nur die Sowjetunion, auch die Amerikaner haben sich als Weltmacht übernommen; Bush muß Reagans immense Schulden bezahlen. Die leeren Kassen tun überall ihr segensreiches Werk, sie waren zu allen Zeiten die stärkste Kraft, die Abrüstung erzwang.