Schließlich könnte es sein, daß Amerikaner wie Russen die militärische Sinnlosigkeit ihres Rüstungswettlaufs einsehen oder schon eingesehen haben. Von gemeinsamer Sicherheit reden zwar nur die deutschen Sozialdemokraten, aber in ihren Handlungen, so scheint es, nähern sich auch die Großmächte dieser Philosophie an.

Unter die Überschrift "Vernunft" gehört auch die Einsicht, daß die allgemeinen Gefahren bedrohlicher sind als der jeweilige Gegner. Umwelt, Energie, Übervölkerung, Dritte Welt – alle diese Probleme bestimmen politische Entscheidungen meist zwar nur, wenn innenpolitischer Druck dazu nötigt. Aber dieser Druck wächst.

Erfahrung, Ermüdung und pure Notwendigket haben der Politik in Europa Möglichkeiten eröffnet, die vor dreißig Jahren nicht bestanden: Abrüstung jedes europäischen Landes auf vereinbarte Höchstgrenzen, Umrüstung auf Unfähigkeit zum Angriff (soweit es das gibt); Abzug aller Atomwaffen in ihre Heimatländer; ein Überwachungssystem, das über ganz Europa verteilt ist und alle Vereinbarungen kontrolliert. Das meiste steht schon auf dem Verhandlungsprogramm.

Schließlich erscheint heute eine ernsthafte Überlegung wert, was 1954 wie ein schlechter Witz wirkte. Die Sowjetunion fragte damals bei den Westmächten an, ob sie der Nato beitreten könne. Wenn sie es jetzt täte oder wenn aus beiden Militärbündnissen ein gesamteuropäisches System gebildet würde, wäre strategisch der Schritt von der Barbarei zur Zivilisation getan, der Schritt von der Sicherheit gegeneinander zur Sicherheit miteinander. Alle schützten jedes Opfer vor dem Angreifer; alle bemühten sich, Streithähne zu trennen; alle beugten sich einem gemeinsamen Schiedsgericht; alle beteiligten sich an einer Art europäischer UNO, vielleicht mit eigenen "Blauhelmen". Natürlich ist es unsagbar schwierig, einen solchen Mechanismus zu verwirklichen, ihn funktionsfähig zu machen und zu halten. Kritiker verweisen auf den Völkerbund, der in den dreißiger Jahren mit dem Prinzip der kollektiven Sicherheit scheiterte, als Mussoliii Äthiopien angriff. Aber daß etwas früher nicht ging, beweist nicht, daß es künftig nicht gehen wird. Auch in der Politik gibt es Neues, so schwer es fällt, das zu glauben.

Die Europäische Gemeinschaft gibt ein eindrucksvolles Beispiel. Sie ist ohne historisches Vorbild. Daß Staaten sich unter Souveränitätspreisgaben zusammenschlössen, kam früher nur vor, wenn ein Starker Schwächere um sich sammelte. Hier aber vereinten sich Gleiche um zweier Zwecke willen. Sie wollten den Geboten moderner Wirtschaft und Technik folgen, die mehr verlangen, als ein Staat allein noch leisten kann. Und sie wollten die Deutschen der Bundesrepublik auf neue Weise zum Frieden nötigen!

Hier liegt das Neue. Die moderne Wirtschaft und Technik lösen sich in Europa aus nationalen Beschränkungen, sie tendieren dahin, sich weiter zu verselbständigen. Das hat zwar höchst bedenkliche Seiten, aber bietet auch erstmals in der Geschichte die Möglichkeit, fast ohne Waffen Frieden zu schaffen. Zwischen entwickelten Ländern läßt sich heute wirtschaftlich und technisch ein Grad wechselseitiger Abhängigkeit organisieren, der es unmöglich macht, daß einer über den anderen herfällt – auch wenn er es gern täte. In der Europäischen Gemeinschaft ist der Frieden objektiv gesichert, er ist unabhängig geworden von den guten oder schlechten Absichten der Staaten.

Statt durch Verbote zu fesseln, wie es nach dem Ersten Weltkrieg versucht wurde, sollten die Deutschen durch ihre eigenen, durch deutsche Interessen gebunden werden. Als in der Montanunion die französische und deutsche Kohle- und Stahlproduktion zusammengelegt und gemeinsamer Aufsicht unterstellt wurde, erklärte die Regierung in Paris: Nun werde "jeder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich".