Der wirtschaftliche Erfolg der Europäischen Gemeinschaft begründet auch ihren friedenspolitischen Erfolg. Ein Sicherheitssystem, in dem sich alle gegenseitig kontrollieren, und ein Wirtschaftssystem, in dem keiner mehr ohne die anderen weiterkommt, sollten zusammen genügen, Europa und Deutschland in Einklang zu bringen. Die Quadratur des Zirkels ist heute möglich geworden. Was mit der Bundesrepublik in Westeuropa gelang, kann mit ganz Deutschland in ganz Europa ebenfalls gelingen. Man muß es allerdings wollen.

Die Hauptfrage lautet: Sind die Deutschen soweit Europäer geworden, wie sie meinen und scheinen? Haben sie begriffen, daß sie eine Jahrhundert-Chance haben? Das deutsche Übergewicht, das mit der Vereinigung entstehen wird, ist für die anderen erträglich, solange daraus nicht eine Übermacht wird.

Daß eine deutsche Armee wieder irgendwo einmarschiert, ist ganz unwahrscheinlich, die Sorgen um militärische Sicherheit und um die Unantastbarkeit von Grenzen sind die Sorgen von gestern. Die Gefahr von heute liegt in wirtschaftlicher Kraft, die sich mit der Zeit in politische Macht umsetzt. Wie man sich dagegen schützt, ist noch nicht erfunden. Am meisten läßt sich wohl auch hier von einer Wirtschaftsgemeinschaft erhoffen, die staatliche Souveränität einschränkt und wirtschaftliche Tätigkeit internationalisiert und gewissen Regeln unterwirft. Aber allzu viel darf man davon nicht erwarten.

Um so mehr hängt davon ab, wie wir uns verhalten. Die ersten Proben fielen denkbar schlecht aus. Seit 25 Jahren schwören alle Bundestagsparteien auf einen "Zustand des Friedens in Europa", den sie erreichen wollen, damit auch das deutsche Volk seine Einheit finde. Also zuerst Europa und dann Deutschland. Doch sobald die Einheit auch nur winkte, war Europa vergessen. Bundeskanzler Kohl, der "Enkel Adenauers", informierte nicht einmal Mitterrand, bevor er seinen Zehn-Punkte-Plan zu Konföderation und Föderation verkündete. Und die Parteien, die Grünen ausgenommen, behandelten die DDR als Testgelände für den Bundestagswahlkampf. All das geschah mit so naiver Gewaltsamkeit, daß in Ost-Berlin eine große Koalition zur Verteidigung der DDR-Interessen entstand. Was unter Honecker zerfiel, einigt sich noch einmal gegen Bonn.

Auch gutwillige Nachbarn, die uns die Einheit gönnen, fragten sich in den letzten Monaten: Wieweit kann man sich auf die deutschen Europa-Schwüre verlassen? Wie verhalten sich die Deutschen, wenn sie plötzlich Macht bekommen, Macht über einen anderen Staat? Die Polen fragten sich, ob es auch ihnen wie der DDR ergehen könne, durch wirtschaftliche Rettung politisch erobert zu werden? Die Oder-Neiße-Grenze bliebe unangetastet, aber statt der Minderheitenrechte für deutsche Gesangsvereine ginge es dann um die Mehrheitsrechte für deutsche Konzerne.

Wie könnten wir beweisen, daß die letzten vierzig Jahre nicht vergeblich waren, daß wir unsere europäische Lektion gelernt haben? Sicher nicht nur in hektischem Aufholen des Versäumten in Brüssel und einer endlos verspäteten Bestätigung, daß die polnische Westgrenze es immer bleiben soll. Europäisches Denken bewiese sich in dem Bemühen, die beiden Entwicklungen voranzutreiben, von denen abhängt, ob Deutschland und Europa miteinander zu vesöhnen sind.

Die Bündnisfrage für ein vereintes Deutschland bietet eine einmalige Chance, ein Sicherheitssystem für ganz Europa zu errichten. Doch das Interesse, die Chance zu nutzen, ist in der westlichen Allianz nicht sehr groß. Wenn bei den Zwei-plus-vier-Verhandlungen irgendein Kompromiß gelingt, mit dem Moskau die deutsche Nato-Mitgliedschaft abgekauft wird, wären die Amerikaner und die meisten Westeuropäer völlig befriedigt. Sie haben ihr Militärbündnis behalten, aber die Russen müssen den Warschauer Pakt abschreiben; im übrigen kann man kräftig abrüsten, alles ist zum Besten bestellt.